01.07.2010 | kibs

Fachtag richtet Blick auf ein Tabuthema

Bericht des Kinderschutz e.V. vom 01.07.2010

"Normal ist das nicht normal" - so lautete der Titel der Münchner Fachtagung zum Thema "Sexualisierte Übergriffe zwischen Kindern", die am 24. Juni 2010 im Kulturhaus Milbertshofen stattfand. Zu der Veranstaltung hatten die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt (kibs) des Kinderschutz e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI) gemeinsam geladen. Etwa 160 Fachkräfte aus den Bereichen Sozialpädagogik, Kindertagesangebote und Politik waren dieser Einladung gefolgt.

Sexuelle Gewalt unter Kindern kein Einzellfall
Als die deutschlandweit arbeitende DGfPI 2009 Regionalpartner für Fachtagungen suchte, lag es nicht fern, kibs für eine Kooperation zu gewinnen. Nach wie vor ist kibs bayernweit die einzige Anlaufstelle ihrer Art für sexuell missbrauchte Jungen zwischen 0 und 21 Jahren. Die Erfahrungen aus der Praxis der letzten Jahre brachten kibs dazu, den Fokus der gemeinsam ausgerichteten Fachtagung auf das Thema "Sexualisierte Übergriffe zwischen Kindern" zu richten. Dass sexuelle Gewalt zwischen Kindern kein Einzelfall ist, zeigt die Tatsache, dass die kibs-Statistik etwa für das Jahr 2009 insgesamt 84 Jungen vermerkt, die übergriffiges Verhalten zeigten. Derzeit kann kibs sich dieser Jungen jedoch aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht annehmen. Ulrike Tümmler-Wanger von kibs schilderte zum Auftakt der Veranstaltung, welche dramatischen Auswirkungen dies hat: "Kinder, die in einer Einrichtung übergriffig waren, werden aus dieser Institution verwiesen und ohne weitere Informationen in einer anderen untergebracht. Dort werden sie zumeist wieder auffällig, das heißt sie machen weitere Kinder zu Opfern."

Information und Austausch
Die Unsicherheit im Umgang mit sexuellen Aktivitäten von Kindern ist auch bei pädagogischen Fachkräften oft noch groß, denn es ist nicht immer einfach die Grenze zwischen normalen Entdeckungsspielen und sexuellem Übergriff zu ziehen. Die Fachtagung von kibs und DGfPI sollte dazu beitragen, diese und andere Fragen zu klären, Informationen zum Thema zu vermitteln und einen Austausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu befördern. In Fachvorträgen gingen die Referenten zudem auch auf den problematischen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien ein und stellten Studien zum Thema „Sexualisierte Gewalt unter Kindern“ vor. Nach den Vorträgen und in den Pausen blieb viel Raum für Diskussionen sowohl im Plenum als auch in kleineren Gruppen. Außerdem konnten die Tagungsbesucherinnen und Tagungsbesucher entsprechende Fachliteratur erwerben. Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion, in der die Referenten und kibs-Psychologe Dr. Peter Mosser über offen gebliebene Fragen und zukünftige Entwicklungen debattierten.

» Tagungsflyer zum Download (PDF)

Kinderschutz e.V.<br>



Materialien

Die folgenden Präsentionen der Referentinnen und Referenten der Fachtagung stehen an dieser Stelle zum Download zur Verfügung:

Vortrag Elke Schmidt, Amyna e.V. - München
Power Point Vortrag Elke Schmidt
"Unterscheidung zwischen sexuellen Aktivitäten und sexuellen Übergriffen im Vorschulalter"

Vortrag Julia von Weiler, Innocence in Danger
"Digitale Medien - eine Herausforderung. Problematischer Umgang von Kindern mit Internet, Handy und Co."

Vortrag Klaus Elsner und Andrej König, Institut für Forensische Psychiatrie - Universität Duisburg-Essen
"Die Behandlung sexuell übergriffiger strafunmündiger Kinder"

Fachtagung kibs - Referentinnen
Die stellvertretende Leiterin des Stadtjugendamtes Stefanie Krüger (links) eröffnete die Fachtagung und würdigte kibs als "wichtigen Partner des Stadtjugendamtes". Rechts neben ihr: Die Referentinnen Elke Schmidt und Julia von Weiler (v.l.)
Fachtagung kibs - kibs-Fachkräfte
kibs-Fachberater Dr. Peter Mosser und kibs-Fachberaterin Ulrike Tümmler-Wanger im Gespräch
Fachtagung kibs - Podiumsdiskussion
Die abschließende Podiumsdiskussion: Andrej König, Klaus Elsner, Dr. Peter Mosser, Julia von Weiler und Elke Schmidt (v.l.)