Zum "Tag der Offenen Tür" in der Kreppe
von Norbert Blesch, Geschäftsführer des Kinderschutz und Mutterschutz e.V.
Wenn man in die Kreppe kommt, - ich verwende den Begriff "Kreppe" synonym für die Schulsozialarbeit, die wir an den Schulstandorten anbieten, mit all dem, was die Kooperation zwischen uns und den Schulen ermöglicht - dann wird eines ganz schnell deutlich:
Schule ist mehr als eine bestimmbare Zahl von Klassenzimmern. Schule ist mehr als eine Ansammlung von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Schule ist mehr als nur Mathe, Deutsch und Physik.
Wenn man in die Kreppe kommt, dann wird ganz schnell deutlich, dass Schule eine Lebenswelt sein kann, dass Schule eingebunden ist in ein Gemeinwesen, dass das Zusammenführen von Bildung, Betreuung und Erziehung gelingen kann - wenn auch in bescheidenem Maße.
Sicherlich haben Sie alle in den letzten Monaten irgendwann und irgendwo mehr oder weniger intensiv über "Berlin" gesprochen (Rütli-Schule). Ich habe vor 15 Jahren selbst in Berlin gearbeitet - in einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Schon damals stand man vor unlösbaren Problemen. Beispielsweise stand für uns das Thema Bandenkriege täglich auf der Agenda.
Ich erzähle dies , weil ich mich frage: Warum ist ein solches Thema in München nicht so akut? Warum heißt das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und nicht "Wir Kinder vom Starnberger Flügelbahnhof"?
EINE Antwort - sicherlich NUR EINE und vielleicht auch verkürzte Antwort - heißt: Die Vielfalt und "Versorgungsdichte" der sozialen Angebote und Leistungen für die Münchner Bürgerinnen und Bürger war in der Vergangenheit nicht schlecht. Dies hat zu einer relativ hohen präventiven Qualität des Gemeinwesens beigetragen und zahlt sich heute aus.
Es ist kein Geheimnis, dass wenn Menschen wissen wo sie hingehen können, wenn es mal brennt, wenn Stadtteile sich entwickeln können, wenn Spielräume für Angebote gegeben werden, die nah am Menschen sind, wenn man etwas mehr bereit ist zu geben, als nur das NOT-wendende, dann verhindern wir uns teuer zu stehen kommende Verspätungen in der Begleitung und Betreuung von Menschen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mittlerweile in der Vergangenheit reden muss, wenn ich auf München blicke. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass jeder Abstrich bei der vielfältigen sozialen Angebotsstruktur ein kleiner Schritt hin zu Berliner Verhältnissen ist. Und jeder dieser Abstriche wird uns langfristig teuer zu stehen kommen.
Bei allem Verständnis für die Stadtkämmerei und das Finanzministerium - es ist an der Zeit Farbe zu bekennen: Was wollen wir? Von welcher Vision sind wir getragen? Welche Prioritäten setzen wir?
Wer nachhaltig handeln will, für den müssen die Prioritäten klar sein: Eine weitere Schulsozialarbeiterin/ein weiterer Schulsozialarbeiter in einer Münchner Schule ist WICHTIGER als ein Parkleitsystem. 1000 neue Lehrerinnen und Lehrer an Bayerischen Schulen sind WICHTIGER als ein Transrapid. Denn: Wer nicht in die Zukunft unserer Zukunft investiert - in die Erziehung, Bildung und Betreuung unserer jungen Menschen - der verpasst die Zukunft.
Vielleicht fragen Sie sich, warum sage ich das hier und heute? - Ich glaube, dass jeder, der heute hier ist, dass jeder, der keine Berliner Verhältnisse haben will, dass jeder, der verstanden hat, wo Zukunft anfängt, Farbe bekennen muss und wir GEMEINSAM versuchen müssen, die Prioritäten der Entscheidungsträgerinnen und -träger zu beeinflussen.
Hier in der Kreppe und an den Schulstandorten ist es möglich, in einem bescheidenen Umfang gute Arbeit zu leisten. Dafür danke ich im Namen des Kinderschutz und Mutterschutz e.V., insbesondere auch im Namen unseres Vorstandes, Ihnen, die sich für die Finanzierung einsetzen. Ich danke den Lehrerkollegien gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Schulsozialarbeit, dass Sie Tag für Tag Grenzen überwinden, und für Ihre Arbeit vor Ort.
