22.03.2007 | kibs

Eine schmerzhafte Wahrheit

Theaterstück „Ich werde es sagen!“ sensibilisiert für das Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen

Bericht vom 22.03.2007

„Gustav war dreißig und ich war neun.“ – „Du darfst es niemandem erzählen! Wenn du es tust, bist du ein toter Mann, oder ein toter Junge!“ Die Sätze aus Kristians Monolog bringen die schreckliche Wahrheit einer missbrauchten Kindheit auf den Punkt. Die Beratungsstelle kibs (Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt), die Landeshauptstadt München und der Hamburger Verein Dunkelziffer e.V. machen Werbung für ein schmerzhaftes Stück Präventions- und Aufklärungsarbeit.

Die Aufführung des Theaterstücks „Ich werde es sagen!“ ließ am Dienstag keinen der Zuschauer im Pädagogischen Institut des Schul- und Kultusreferates unberührt. Der dramatische Monolog, basierend auf der autobiographischen Romanvorlage des Dänen Kristian Ditlev Jensen, handelt von einer missbrauchten Kindheit. Das Ein-Mann-Stück dreht sich um Kristian, der ab seinem neunten Lebensjahr drei Jahre lang von einem Freund der Familie sexuell missbraucht wurde – ohne dass es jemand bemerkte. Auf der Bühne findet Kristian (mit enormer Intensität verkörpert von Reinhard Gesse) den Mut, darüber zu sprechen.

Das Stück ist scharf inszeniert, mit schrägen musikalischen Punkeinlagen, für manche Ohren schmerzhaft – nicht nur im Inhalt, sondern auch in der akustischen Form. Zuschauen und Zuhören tut weh, durch und durch. Und dennoch macht es auch Hoffnung. Hoffnung für die Jungen und Männer, die selbst auf eine Missbrauchserfahrung zurückblicken, oder längst den Blick darauf verstellt haben. Es zeigt, dass es einen Ausweg gibt aus dem zerstörerischen Strudel aus Schuldgefühlen, Ekel, Selbsthass, Verzweiflung und Sprachlosigkeit. Allen „nicht Betroffenen“ zeigt es Strukturen und Regelmäßigkeiten des sexuellen Missbrauchs auf, die sie – sensibilisert für das Geschehen – oftmals schneller erkennen könnten. Ein rasches und couragiertes Eingreifen bei solchen Verhaltensweisen könnte die Leidensgeschichte vieler Kinder und Jugendlicher verhindern oder zumindest verkürzen.

Im Anschluss an die Vorstellung diskutierten die Zuschauerinnen und Zuschauer mit Gabi Reichhelm, Leiterin des Pädagogischen Instituts, Hartmut Kick, Jungenbeauftragter der Landeshauptstadt München, sowie mit Carmen Kerger von Dunkelziffer e.V. und dem Schauspieler Reinhard Gesse von der theaterpädagogischen werkstatt osnabrück.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage nach den bisherigen Reaktionen auf das Stück und den Möglichkeiten, es dem jungen Publikum zugänglich zu machen. Die Aufführung kann von Schulen gebucht werden. Bei Interesse gibt es bei der Münchner Beratungsstelle kibs weitere Informationen. Geeignet ist „Ich werde es sagen!“ für Schülerinnen und Schüler aller Schulen ab der siebten Klasse. Ziel ist es, möglichst viele Schüler – aber auch Schülerinnen – mit dem Stück zu erreichen. Die Vorstellung im Pädagogischen Institut war hoffentlich nur die erste in München.

„Statistisch betrachtet befindet sich in jeder Schulklasse mindestens ein männliches Opfer sexueller Gewalt – also ein Junge der sich zumindest in Teilen in dem Theaterstück wieder findet“, stellt Ulrike Tümmler-Wanger, Leiterin von kibs, fest. Aufgrund der Emotionalität und Thematik des Stückes empfehlen die Initiatoren bei Schulaufführungen in jedem Fall eine intensive Nachbereitung. Begleitmaterialien dafür werden derzeit erstellt. Eine solche Nachbereitung kann beispielsweise in Kooperation mit dem fachkundigen Beratungsteam von kibs durchgeführt werden. Carmen Kerger von Dunkelziffer e.V. hat bereits erlebt, dass sich nach der Vorstellung mindestens einer der jungen Zuschauer als Missbrauchsopfer „outete“ und sich damit dem Bewältigungsprozess öffnete. Zumindest aber löste das Stück bisher bei jedem Publikum eine differenzierte Diskussion aus und regte zum Nachdenken an.

Bei Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung:

Anja Hunsinger
Kinderschutz und Mutterschutz e.V.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Liebherrstraße 5
80538 München
Tel. (089) 23 17 16 -9924
eMail: a.hunsinger@kinderschutz.de
www.kinderschutz.de


Ulrike Tümmler-Wanger
kibs – Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle
für männliche Opfer sexueller Gewalt
Kathi-Kobus-Straße 11
80797 München
Tel. (089) 23 17 16 -9121
Fax (089) 23 17 16 -9119
eMail: u.tuemmler-wanger@kibs.de
www.kibs.de

Kinderschutz und Mutterschutz e.V., 22.03.2007
Szenenbild - Ich werde es sagen!
Reinhard Gesse durchleidet i autobiographischen Stück "Ich werde es sagen! die Geschichte des missbrauchten Kristian.
Infomaterial - Ich werde es sagen!
Die Zuschauer des Stücks informieren sich im Anschluss an die Aufführung über Präventions- und Beratungsmöglichkeiten.