„Ich werde es sagen!“
– oder: Wie man sexuellen Missbrauch an Jungen besprechbar macht
Die Carl-Spitzweg-Realschule in Allach hat neue Wege beschritten, um ein Problem in Angriff zu nehmen, dem in unserer Gesellschaft normalerweise mit Ignoranz begegnet wird: sexueller Missbrauch an Jungen.
Einen innovativen Schritt in Richtung einer Veränderung dieser Situation ging nun die Allacher Carl-Spitzweg-Realschule, die für die Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Klassen das Theaterstück „Ich werde es sagen“ (basierend auf dem gleichnamigen Roman von Kristian Ditlev Jensen) aufführen ließ. „Ich werde es sagen“ ist der dramatische Monolog eines erwachsenen Mannes, der über den in seiner Kindheit erlebten sexuellen Missbrauch erzählt und die Begleiterscheinungen und Folgen dieser Erfahrung mit einer Eindringlichkeit darstellt, der sich das Publikum kaum zu entziehen vermag.
Lesen Sie hier den Bericht zur Münchner Erstaufführung im März 2007.
Es war die Intention der Schule, das Problem, vor dem man nicht länger die Augen verschließen kann, innerhalb der Schule kommunizierbar zu machen. Zu diesem Zweck holte man sich die Unterstützung erfahrener Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich, die im Anschluss an die Aufführung mit den Schülerinnen und Schülern in geschlechtshomogenen Gruppen das schwierige Thema besprachen. Hier griff man auf ein bewährtes Konzept der interdisziplinären Kooperation* zurück: Verschiedene Institutionen und Fachkräfte, die unter anderem auf die pädagogische Arbeit zu Themen wie Sexualität, Gewalt oder Geschlechtsidentität spezialisiert sind, arbeiten hier zusammen (s. Kasten).
Die Erfahrungen aus diesem Projekt zeigen, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem psychosozialen Bereich eine geeignete Form bietet, um auch sehr heikle Themen dort zu platzieren, wo es am notwendigsten ist: Bei den Schülerinnen und Schülern, in deren Umfeld sich Betroffene bewegen oder die möglicherweise selbst betroffen sind oder sich in Gefahr befinden. Das Theaterstück erweist sich hier als ideales Vehikel, um Präventionsbotschaften zu transportieren und Wissen und Verständnis über ein tabuisiertes Themen zu vermitteln. Durch die künstlerische Aufbereitung wird eine Atmosphäre des Fiktionalen erzeugt, die beim Publikum die Bereitschaft erhöht, sich auch gefühlsmäßig auf die Thematik einzulassen. Umso drängender war im Anschluss an die Aufführung das Bedürfnis der Schüler zu erfahren, ob die dargestellte Geschichte „wirklich“ so stattgefunden hätte.
In den Nachbereitungen mit den Fachkräften zeigten sowohl die Schülerinnen als auch die Schüler eine große Offenheit in der Auseinandersetzung mit diesem eigentlich so stark tabuisierten Thema. Die Nachbetreuer mussten einerseits dem Informationsbedürfnis der Jugendlichen Rechnung tragen, andererseits bestand ihre Aufgabe auch in der Moderation lebhafter Diskussionen in den Klassen. Hier erwies sich die Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Herangehensweisen: Innerhalb der Mädchen- oder Jungengruppe haben Jugendliche eine weit höhere Bereitschaft, sich zu tabuisierten und intimen Themen zu äußern und können auf diese Weise die Möglichkeit nutzen, sich selbst als Mädchen oder Jungen innerhalb der Gruppe aber auch gesellschaftlich zu verorten.
Dass auch Jungen von sexuellem Missbrauch betroffen sein können, ist sowohl für Mädchen als auch für Jungen eine Tatsache, die Bestürzung, aber auch Interesse auslöst. Insbesondere für Jungen tauchen in diesem Zusammenhang Fragen der Homosexualität, des Vertrauens, der eigenen Verwundbarkeit, aber auch der eigenen Stärke auf. Für alle Schülerinnen und Schüler gerieten die Sensibilisierung gegenüber eigenen Gefühlen und Strategien des Hilfeholens in den Mittelpunkt des Interesses. Dies zeigt, dass die Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch nicht allein auf diese schreckliche Erfahrung fokussiert sondern immer auch ein großes Spektrum von Themen aufwirft, die das alltägliche Leben von Jugendlichen entscheidend mitprägen.
Die Lehrkräfte und die Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich waren sich bei der Auswertung des Projekts einig, dass die Jugendlichen sehr von der Form der Darbietung und der Möglichkeit der anschließenden Reflexion profitierten. Fasst man den Gedanken der Wissensvermittlung und Prävention weiter, so wäre es zudem sinnvoll, auch Eltern und allen Lehrkräften die Möglichkeit zu geben, das Stück zu sehen. Es wäre äußerst wünschenswert, wenn auch andere Münchner Schulen dem Beispiel der Allacher Realschule folgen und das Stück „Ich werde es sagen“ aufführen lassen würden.
Kinderschutz und Mutterschutz e.V.
Kibs – Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle
für männliche Opfer sexueller Gewalt
Peter Mosser
Kathi-Kobus-Straße 9
80797 München
Tel. (089) 23 17 16 -9122
Fax (089) 23 17 16 -9119
p.mosser(at)kibs.de

* Kooperationsnetzwerk
Das interdisziplinäre Kooperationsnetzwerk umfasst das Pädagogische Institut, das Stadtjugendamt (Büro des Jungenbeauftragten), das Projekt für Mädchen und junge Frauen, das Projekt Goja, aber auch freiberufliche Jungenarbeiter wie Sascha Burmann und Holger Reichhelm sowie die Münchner Beratungsstelle Kibs des Kinderschutz e.V., die als bundesweit nahezu einzige Einrichtung spezialisierte Hilfen für sexuell misshandelte Jungen anbietet.
