29.09.2008 | Beratung | KIM

Die Beratungsstelle KIM zieht zur offiziellen Eröffnung erste Bilanz

Zulauf übersteigt die Kapazitäten der Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Kinder

Bericht des Kinderschutz e.V.

Gut ein halbes Jahr nach dem Start der Beratungsstelle KIM im Februar waren am 18. September zahlreiche sozial-/ pädagogische Fachkräfte, Vertreter der Behörden sowie aus der Politik zur offiziellen Eröffnung geladen. Der große Zulauf zu diesem Empfang zeigte bereits die Akzeptanz, die KIM im Landkreis erfährt und auch die Neugier auf die bisherigen Erfahrungen der Beratungsstelle.

Gisela Schneid, stellvertretende Landrätin von Fürstenfeldbruck, betonte in ihrem Grußwort, dass es ein Anliegen des Landkreises gewesen sei, die Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen. Daher sei sie froh, dass die Beratungsstelle KIM nun eingerichtet werden konnte und betroffene junge Menschen, aber auch andere Ratsuchende jetzt eine kompetente Anlaufstelle in Fürstenfeldbruck haben.

Die besondere Qualität der Kooperation der beiden Träger hob Sabine Wieninger, Fachleiterin von IMMA e.V., hervor. Sie betonte, bei KIM arbeiteten zwei Träger und Einrichtungen zusammen, die sich kennen, die die gleiche Wellenlänge und die vor allem die gleichen fachlichen Vorstellungen und Standards haben. Das langjährig erworbene Wissen und die Erfahrung, was jeweils die Mädchen und Jungen brauchen – was durchaus auch sehr unterschiedlich sein kann – und wie sie am besten erreicht werden können, komme bei KIM voll zum Tragen.

Mit konkreten Zahlen rückte Norbert Blesch, Geschäftsführer des Kinderschutz e.V., den Bedarf an Hilfe noch einmal ins Bewusstsein: Jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge sei durchschnittlich Opfer sexueller Gewalt. Im Landkreis Fürstenfeldbruck leben 30.000 Kinder und Jugendliche. Gehe man von ca. jedem fünften Kind bzw. Jugendlichen als Betroffenem aus, so seien es allein im Landkreis Fürstenfeldbruck 6.000 Mädchen und Jungen, für die KIM eine kompetente Anlaufstelle sei! Es lohne sich also jede Stunde, die das Team von KIM in Zukunft noch mehr in Beratung und Aufklärung stecken könne.

Schließlich berichtete das Berater-Team von KIM, Birgit Hildebrandt (IMMA) und Stefan Port (kibs), von den Erfahrung im letzten halben Jahr. Grundlage für die Arbeit von KIM in den ersten Monaten war die Bekanntmachung und Vernetzung des Angebotes: Jugendamt, Erziehungsberatung, Frauenhaus, Polizei – sie alle zeigten großes Interesse und große Kooperationsbereitschaft und vermittelten Anfragen sofort an KIM weiter. Die Beratungsleistung wurde von Anfang an intensiv in Anspruch genommen: Bereits zwei Minuten, nachdem der Telefonanschluss aktiviert war, ging die erste Anfrage ein! Während der Woche laufen die Anfragen über den Anrufbeantworter, am Donnerstag werden die Beratungen dann telefonisch und persönlich nach Terminvereinbarung durchgeführt. Zurzeit werden vor allem professionelle und private Bezugspersonen von betroffenen Kindern und Jugendlichen mit KIM erreicht. Die erste Kontaktaufnahme erfolgt in der Regel telefonisch. In manchen Fällen – vor allem gegenüber Fachkräften und Bezugspersonen – genügt eine ausführliche Beratung per Telefon. Meist jedoch folgen auf den telefonischen Erstkontakt persönliche Gespräche nach Terminvereinbarung. Zwischen vier und fünf solcher Beratungsgespräche finden derzeit pro Beratungstag statt, durchschnittlich sechs telefonische Beratungen kommen hinzu.

Hildebrandt und Port zeigten bei aller Zufriedenheit über die hohe Akzeptanz des Angebots jedoch auch den dringenden Bedarf an einer raschen Erweiterung des Beratungsangebots auf. Aufgrund der bisher bewilligten Mittel stehen ihnen jeweils nur 6,5 Stunden pro Woche zur Verfügung. In dieser Zeit müssen sie auch Kooperations- und Netzwerktätigkeit leisten, so dass jeweils nur rund fünf Stunden wöchentlich zur Unterstützung der Ratsuchenden übrig bleiben. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass der Bedarf an Information und Beratung die derzeitigen Kapazitäten von KIM weit übersteigt. Bei mehr als einem Drittel der Beratungsanfragen durch Betroffene, Bezugspersonen oder Fachkräfte kam es bereits zu Wartezeiten von bis zu vier Wochen.  

Gestartet ist KIM mit dem Ziel, betroffenen Mädchen und Jungen selbst eine Anlaufstelle zu bieten. Doch direkte Kontakte mit Kindern und Jugendlichen fanden in den vergangenen Monaten erst wenige statt. Die gegebenen Ressourcen schaffen dafür bisher leider nicht die besten Voraussetzungen. Das sensible Thema sexueller Missbrauch erfordert kontinuierliche Betreuung und einen längerfristigen intensiven Beratungsverlauf, der nicht unter dem Druck stehen darf, nach maximal fünf Terminen abgeschlossen zu sein.

Die Beratungsstelle benötigt außerdem Kapazitäten für aufsuchende Arbeit, d.h. um das Angebot Kindern und Jugendlichen beispielsweise an Schulen oder in Jugendzentren regelmäßig vorzustellen. Dies gilt insbesondere für Jungen, die in der Regel noch seltener als Mädchen selbst eine Beratungseinrichtung aufsuchen.

Und schließlich befinden sich betroffene Mädchen und Jungen nicht immer ausgerechnet donnerstagnachmittags in der Krise, wenn die Beratungsstelle für einige Stunden besetzt ist. KIM braucht daher terminliche Flexibilität und muss eine Erreichbarkeit der Beraterin oder des Beraters an mehr als ein paar Nachmittagsstunden an einem Tag pro Woche leisten können.

Um die Ziele der Beratungsstelle zu erreichen ist eine Ausweitung der Ressourcen daher unumgänglich. Deshalb hat KIM bereits den Ausbau des Beratungsangebots auf zwei Vollzeitstellen beim Landkreis beantragt. Die stellvertretende Landrätin kündigte an, dass die Kreistagsgremien in nächster Zeit über Möglichkeiten verbesserter Bedingungen entscheiden werden.

Kinderschutz e.V.
Birgit Hildebrandt (IMMA), Stefan Port (kibs), stv. Landrätin Gisela Schneid, Sabine Wieninger (IMMA) und Norbert Blesch (Kinderschutz e.V.) (v.l.) bei der offiziellen Eröffnung der Beratungsstelle KIM in Fürstenfeldbruck