Offensichtlich unsichtbar - sexuelle Gewalt gegen Jungen
Die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt (kibs) hilft Jungen und jungen Männern, die von sexueller Gewalt betroffen sind oder waren, durch persönliche Information, Beratung und Betreuung. Die Idee zur Gründung stammt ursprünglich von Ulrike Tümmler-Wanger. Sie machte in ihrer langjährigen sozialpädagogischen Tätigkeit mit Jugendlichen immer wieder die Erfahrung, dass für Jungen, die von sexueller Gewalt betroffen waren, keinerlei Hilfsangebote bestanden. Seit 1999 leitet Frau Tümmler-Wanger die Beratungsstelle. Zusammen mit ihrem Kollegen Stefan Port gibt sie tiefere Einblicke in die Arbeit von kibs.
Wie hilft kibs Jungen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind?
TÜMMLER-WANGER: Das Angebot von kibs richtet sich in erster Linie an die betroffenen Jungen, aber auch an deren Eltern, Geschwister, Freunde. Die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs oder der Verdacht allein stürzt meist das gesamte Umfeld in eine Krise, deshalb müssen sie ebenfalls in den Hilfsangeboten mit bedacht werden. Beim Verdachtsfall kommt in der Regel die Mutter oder ein Angehöriger in unsere Beratungsstelle. Es wird dann gemeinsam – unter Einbezug des Helfersystems – versucht, die Verdachtsmomente abzuklären. Verschiedene Beobachtungen werden zusammen getragen, um sich ein Bild machen zu können.
PORT: Wir versuchen dann wieder Ruhe ins System zu bringen. Der aufgeregten Mutter zu helfen, dass sie wieder handlungsfähig wird. Dadurch gehen auch die Auffälligkeiten des Jungen zurück. Das Helfersystem wird ebenfalls dahingehend beraten, dass es nicht mit in die Krise fällt und sich nicht durch den Missbrauchsfall überfordert fühlt. Dies wirkt sich wiederum positiv auf den Jungen aus. Die Arbeit mit dem gesamten System ist ein langwieriger Prozess. Je nach Bedarf werden für den betroffenen Jungen individuell Hilfen eingeleitet. Bei den älteren Jungen zwischen 12 und 17 Jahren gestaltet es sich meist sehr schwierig, weil die eher das Gefühl vermitteln: "Das war o.k. Ich pack das schon. Ich komme damit alleine klar. Ich brauche keine Hilfe." Dann müssen wir sehr kreativ sein, um sie mit unseren Angeboten zu erreichen.
Wie sieht dieses "kreative Hilfsangebot" für die betroffenen Jungen aus?
TÜMMLER-WANGER: Wir stellen beispielsweise nicht die Erwartung an die Jungen, dass sie unbedingt in die Beratungsstelle kommen. Wir treffen uns dann oft an Plätzen, welche die Jungen vorschlagen, die für sie unverfänglich sind – im Fastfood-Restaurant, im Café… Wir vermitteln ihnen sehr schnell, dass sie die Inhalte der Gespräche bestimmen, dass sie uns nichts erzählen müssen, dass wir sie nicht "ausquetschen" werden und sie Tempo und Inhalt der Beratung bestimmen. Wir haben im Laufe der Zeit gelernt, wie wichtig es ist bei der Terminvergabe flexibel zu sein. Wir machen keinen Druck, wenn Termine kurzfristig abgesagt, verschoben oder vergessen werden. Viele brauchen erfahrungsgemäß länger, um sich auf die Hilfe einlassen zu können.
Was können Sie zur generellen Versorgung von Jungen die Opfer sexueller Gewalt geworden sind in Deutschland und Bayern sagen?
TÜMMLER-WANGER: Deutschlandweit können wir immer noch sagen, dass wir in dieser geschlechtsspezifischen Form einzigartig sind. Es gibt mittlerweile - zum Glück - auch anderswo Angebote für Jungen. Doch richten sie sich meist nicht in dieser Ausschließlichkeit an die Opfer, sondern sind eher in Kombinationen mit anderen Maßnahmen zu sehen. In Bayern gibt es die wenigsten Angebote. Das führte dazu, dass wir Anfragen aus ganz Bayern erhalten. Dadurch ist ein Modellprojekt mit Erziehungsberatungsstellen entstanden.
Wie wurde das Modellprojekt mit den Erziehungsberatungsstellen umgesetzt?
TÜMMLER-WANGER: Wir haben Erziehungsberatungsstellen bayernweit zur Thematik sexuelle Gewalt an Jungen geschult. Wir versuchen nun Anfragen an Kolleginnen und Kollegen dieser Erziehungsberatungsstellen zu vermitteln. Wir stehen mit ihnen in engem Kontakt und versuchen die Betroffenen dort anzubinden.
PORT: Es ist ein Netzwerk entstanden. Wir kommen in die Region der Erziehungsberatungsstelle und stellen dort im Arbeitskreis unsere Arbeit vor. Dadurch können wir die Kolleginnen und Kollegen stärker für diese Thematik sensibilisieren.
Was können die Erziehungsberatungsstellen leisten und wo stößt diese Arbeit an ihre Grenzen?
TÜMMLER-WANGER: Die Erziehungsberatungsstellen haben ein sehr breitgefächertes Angebot und sind für alle Auffälligkeiten von Kindern und Erziehungsfragen zuständig. Sie haben dabei nicht diesen speziellen geschlechtsspezifischen Ansatz wie wir und verfügen oftmals nicht über die Flexibilität und Kapazitäten, um mit den Jungen so intensiv zu arbeiten und auf das Umfeld eingehen zu können. Auf Wunsch kann kibs ebenfalls die Prozessvorbereitung und Begleitung leisten. Dies wäre für die Erziehungsberatungsstellen in diesem Umfang nicht leistbar. Ein wichtiges Anliegen ist für uns die Öffentlichkeitsarbeit. Wir beteiligen uns an Broschüren, schreiben Fachartikel, bieten Fortbildungen an und organisieren Fachtage. Dies wird auch weiterhin eine Aufgabe von kibs bleiben. Durch die Zusammenarbeit ist eine bessere Vernetzung mit den Erziehungsberatungsstellen entstanden, wovon die Klienten letztendlich profitieren.
Worin liegen die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit?
TÜMMLER-WANGER: Wir kämpfen immer noch mit dem Tabu, dass auch Jungen Opfer sexueller Gewalt werden können. Dies zu brechen ist eine der größten Herausforderungen unserer Arbeit. Wir investieren unter anderem deshalb viel Zeit in Fortbildungen und Öffentlichkeitsarbeit.
PORT: Dies ist deshalb so wichtig, damit es für Jungen leichter wird sich anzuvertrauen und von den Erwachsenen eher eine Wahrnehmung für Missbrauch an Jungen entsteht.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
PORT: Es wäre wünschenswert über die Medien, das Fernsehen, das Radio, die Presse auf dieses Thema aufmerksam zu machen – ohne dass dem erst ein dramatischer Fall von Kindesmissbrauch vorangehen muss – dass die Fachkräfte zu Wort kommen, um dieses Thema breit zu streuen und in der Öffentlichkeit zu verankern. In den Medien wird leider oftmals das Bild vermittelt, dass die Männer gar keine Opfer sein können und wenn dann hat es ihnen Spaß gemacht.
TÜMMLER-WANGER: Ganz wichtig wäre es, dass es für Fachkräfte irgendwann selbstverständlich wird, bei einem auffälligen Verhalten eines Jungen auch immer möglichen Missbrauch als Ursache in Betracht zu ziehen. Und wir wünschen uns eine stabile Finanzierung des Angebotes. Wir erhalten eine Regelfinanzierung der Landeshauptstadt München, die rund 60% unsere Kosten deckt. Der Kinderschutz e.V. trägt 1,5 Personalstellen selbst, weil die Nachfrage derart groß ist. Wir können und wollen die Betroffenen mit ihren Erlebnissen nicht alleine lassen. Die Finanzierungssituation muss sich aber ändern, damit wir langfristig den Opfern sexueller Gewalt helfen können. Ein Lichtblick dabei ist eine großzügige aber einmalige Förderung durch Sternstunden e.V.
Natürlich wäre unser großer Wunsch, dass für Opfer bayernweit ein (kibs-) Angebot zur Verfügung stünde. Ebenso wichtig wäre zusätzliches Personal, um alle Anfragen bedienen zu können. Die Anfragesituation ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Besonders die Fachberatungen von Institutionen nehmen stark zu. Aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten können wir leider nicht alle Fälle aufnehmen und müssen mit Wartelisten arbeiten.
Kinderschutz e.V.

Fachtag
kibs lädt ein zur Fachtagung zum Thema "Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt" am 19. und 20. November 2009 in München.
Veranstalter der Fachtagung sind kibs, das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und die Hochschule Landshut. Sie wird unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen.
Weitere Informationen zur Veranstaltung und Anmeldung finden Sie hier.
nah dran - Ausgabe 2009

Diesen Artikel sowie zahlreiche weitere Berichte über unsere Angebote und Projekte finden Sie in unserer Zeitschrift "nah dran" - Ausgabe 2009.
Die Zeitschrift steht Ihnen als PDF (5,7MB) hier zum Download zur Verfügung.
Gerne erhalten Sie auch ein gedrucktes Exemplar. Bitte schicken Sie dazu eine eMail an: nahdran(at)kinderschutz.de
