23.10.2007 | Paulihof

Wenn die Hilfe von Esel Max gefragt ist

Therapie mit Tieren - Wie Vierbeiner und Federvieh kranken Kindern und Erwachsenen etwas Normalität zurückgeben

Bericht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 23.10.2007

Augsburg/Burgau/Unterbernbach - Iwan und Olga haben immer ein offenes Ohr für ihre Patienten. Sie spornen sie an und manchmal kuscheln sie auch mit ihnen. Iwan trägt graubraunes Fell, Olga flauschige Federn - Iwan ist ein Ziegenbock, Olga eine Gans. Sie leben auf dem Paulihof in Unterbernbach bei Aichach zusammen mit rund 60 Tieren. Es gibt Hühner, Gänse, Hunde und Katzen, Schafe, Ziegen, Esel, Pferde, Kaninchen und sogar ein Hängebauchschwein ist darunter. Die Tiere arbeiten als Co-Therapeuten gemeinsam mit Heilpädagogin Ulrike Heigenmooser. Sie helfen Kindern, die ein Trauma erlitten haben, sei es aufgrund einer Krankheit, einer Trennung oder weil ihnen Gewalt angetan wurde. Kindern wie Julius (Name von der Red. geändert).

Seit ein paar Wochen wohnt der Zwölfjährige mit drei anderen Kindern auf dem Hof. Morgens geht er in die Schule, den Nachmittag verbringt er mit den Tieren. Vor allem mit seinem Freund Max, einem Esel - "einem besonders störrischen", wie Heigenmooser betont. Doch genau mit dem wollte Julius "arbeiten", wie er es nennt.

Durch die Tiere lernen die Kinder Ängste überwinden

Dem Jungen fällt es schwer, bei der Sache zu bleiben, er ist unruhig, ja ungeduldig. "Doch mit Max ist es anders", erzählt die Heilpädagogin. "Da konzentriert er sich." Was so anders ist an Tieren im Vergleich zu Menschen? Julius antwortet zögerlich: "Tieren kann man vertrauen", sagt er, "mit Menschen gibt es oft Streit, mit Tieren ist das anders".

Heilende Pädagogik nennt Ulrike Heigenmooser ihr Konzept. Es geht darum, eine Beziehung zu einem Tier aufzubauen und hierbei gemachte Erfahrungen auf den Umgang mit Menschen zu übertragen. Durch ihre Arbeit mit Tieren lernen die Kinder, Ängste zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen, zum Beispiel, indem sie die Tiere füttern, abends ins Bett bringen und auch mal beim Ausmisten mithelfen.

Julius hat ein klares Ziel vor Augen: Er will auf dem eher menschenscheuen Esel reiten. Irgendwann. Doch zunächst heißt es, Max überhaupt zum Gehen zu bewegen. Und das ist nicht so einfach. Ein leichtes Zupfen mit der Leine, wieder loslassen, zupfen, loslassen - immer wieder muss Julius dem Tier gut zureden - und sich selbst in Geduld üben. Der Erfolg kommt hufweise.

Auch die Augsburger Kinderklinik hat mit tierischen Therapeuten positive Erfahrungen gesammelt, etwa mit Pferden und Minischweinen. Sie helfen Kindern mit Regulationsstörungen, sogenannten "Schreikindern", Kindern mit Herzfehlern oder Lähmungen. Heilen können sie nicht, doch das würde auch kein seriöser Therapeut behaupten. "Die Tiere helfen einem Kind, mit seinen Problemen besser umgehen zu lernen", sagt Christiane Schuler. Sie ist die Leiterin des Teams tiergestützte Therapie im Nachsorgezentrum Bunter Kreis an der Kinderklinik. 2003 entstand dort eine Pferdewiese, die Patienten aus dem ganzen Regierungsbezirk Schwaben anlockt - die jüngsten sind 15 Monate alt.

Christiane Schuler erzählt von Tom (6) und Jonas (4). Beide werden sterben: der eine an einer seltenen Stoffwechselerkrankung, der andere an Muskelschwund. Von Zeit zu Zeit lässt sich Tom in seinem Rollisulky, einer Kombination aus Rollstuhl und Pferdefuhrwerk, über die Reitanlage ziehen. Jonas darf sich einmal in der Woche 20 Minuten lang auf den Rücken eines Pferdes setzen. Er fühlt sich dann als Ritter. "Tom und Jonas sind in diesen Augenblicken so lebendig", sagt Christiane Schuler. "Es ist eine Steigerung ihrer Lebensqualität."

Noch vor zehn Jahren wäre der Aufschrei groß gewesen. Ein Schwein in unmittelbarer Nähe eines Krankenhauses? Damals undenkbar - hauptsächlich wegen hygienischer Bedenken. Mittlerweile begegne die Öffentlichkeit dem Thema aufgeschlossener, meint Christiane Schuler.

Wenn Schafe oder Hunde gut versorgt, geimpft und entwurmt seien, gebe es keine Probleme mit unzureichender Hygiene. Generell komme eigentlich jedes Tier als Therapeut in Frage, das gesund und gutmütig sei.

Im Therapiezentrum Burgau sollen ein Pferd, ein Hund und vier Kaninchen unter anderem Patienten mit Hirnschädigungen wieder auf das Alltagsleben vorbereiten. Erst seit Jahresbeginn bilden sie einen festen Bestandteil des Behandlungskonzepts. Therapieleiter Reinhard Ott-Schindele will deshalb kein vorschnelles Fazit ziehen. Seine Patienten seien begeistert, die Vierbeiner spornten sie zu Höchstleistungen an. "Man darf allerdings nicht erwarten, dass der Patient aufspringt und geheilt ist."

Daniel Wirsching, Veronika Harzmann, Augsburger Allgemeine Zeitung, 23.10.2007
Foto: Barbara Feneberg
In Esel Max hat Julius (Name von der Red. geändert) auf dem Paulihof in der Nähe von Aichach einen neuen Freund gefunden.

Tiergestützte Therapie

Ein Therapeut bezieht ein Tier, zum Beispiel ein Pferd, einen Hund oder ein Schwein, quasi als Co-Therapeuten mit in seine Therapie ein, um den Heilungsprozess des betroffenen Kindes oder Erwachsenen positiv zu beeinflussen. Tiergestützte Therapie wird in der Psychotherapie, Logopädie, Ergotherapie sowie in der Physiotherapie eingesetzt. Der Begriff tiergestützte Therapie ist derzeit noch nicht geschützt. Interessierte sollten sich immer nach der Qualifikation des jeweiligen Therapeuten erkundigen, sprich ob er auch Fortbildungen in diesem Bereich besucht hat. Die meisten Krankenkassen bezahlen diese Therapieform in den meisten Fällen bislang nicht. (onni/wida)

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