Für Timme wurde der Hort zur Hölle
Nach sexuellen Übergriffen half die Beratungsstelle „kibs“ dem Buben, die traumatischen Erlebnisse zu bewältigen
Der Hort war für Timme ein Ort, auf den er sich nach der Schule freute. Heute verbindet der Achtjährige mit der Einrichtung die schlimmsten Erfahrungen, die er in seinem Leben machen musste. Alles begann auf der Toilette der Umkleidekabine nach einem Fußballspiel. Plötzlich stand der Praktikant in der Tür und streichelte den Buben. Er versicherte immer wieder, „dass alle richtigen Kerle solche Spiele machen“. Nur reden würde man über so etwas natürlich nicht. Auch Timmes Freunde, eine eingeschworene Clique von sechs Schülern, blieben von den Übergriffen nicht verschont.
Timme veränderte sich. Aus dem lebensfrohen Buben wurde ein stilles zurückgezogenes Kind. Seine Mutter bemerkte die Veränderungen. Mehrmals fragte sie ihn, ob ihn etwas bedrücke oder ob er vielleicht Ärger mit seinen Freunden habe. Timme verneinte, wollte nicht reden und verkroch sich in seinem Zimmer.
Eines Nachmittags räumte die Erzieherin mit Timme im Hort die Comic-Hefte auf. Da fragte der Junge plötzlich: „Dürfen alle Erwachsenen Kinder am Po anfassen?“ Die Erzieherin war bestürzt. Sie verneinte die Frage und wollte wissen, ob jemand ihn angefasst hat. Timme antwortete nicht und lenkte vom Thema ab. Er zog seine Jacke an und verabschiedete sich hastig. Einige Tage später sprach die Erzieherin allein mit Timme. Sie erklärte ihm, dass er ihr alles erzählen könne, sie sich Zeit für ihn nehme und ihm auch glaube. Timme erzählte stockend von den sexuellen Übergriffen durch den Praktikanten. „Meistens ist es auf dem WC passiert“, berichtete der Junge unter Tränen. Fast wie um sich zu verteidigen, ergänzte er, dass aber auch seine Freunde Ähnliches erlebt haben mit dem Praktikanten. Oft geschah es, wenn sich der Betreuer mit den Jungen zum Sport verabredet hatte.
Nach dem Gespräch mit seiner Erzieherin war Timme erleichtert. Die Erzieherin und die Leiterin des Hortes suchten Hilfe bei der Informations-, Beratungs- und Kontaktstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt „kibs“. Die Einrichtung des Kinderschutz und Mutterschutz e.V. ist bayernweit die einzige Anlaufstelle, die sich um Buben kümmert, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Erzieher und Eltern erhalten durch „kibs“ professionelle Unterstützung. Sie erfahren, wie sie Kindern wie Timme helfen und was sie zu ihrem Schutz unternehmen können.
Ohne Hilfe können Kinder solche traumatischen Erlebnisse kaum verarbeiten. Sie verlieren das Vertrauen in die Erwachsenen. Bei „kibs“ steht Ulrike Tümmler-Wanger den Betroffenen zur Seite. „Die Aufdeckung eines Missbrauchs ist für Eltern und Betreuer extrem belastend“, erklärt die Expertin. „Deshalb versuchen wir, für die Kinder ein stabiles Umfeld zu schaffen.“ Ohne Hilfe würden viele Opfer unter der seelischen Last ihr Leben lang leiden.
Die Beratungsstelle ist auf Spenden angewiesen. Nur mit finanzieller Hilfe können die Mitarbeiter die vielen Opfer betreuen. Mit Ihren Spenden, liebe Leser, unterstützen Sie die Arbeit der Sozialpädagogen und helfen damit traumatisierten Jugendlichen. Timme und seine Freunde haben sich mit der Hilfe von „kibs“ erholt. Die Mitarbeiter der Kontaktstelle vermittelten den Buben in Rollenspielen, wie sie sich gegen solche Übergriffe schützen können. Doch es wird lange dauern, bis die Buben die schlimmen Ereignisse verarbeitet haben.
Annette Gans, Münchner Merkur, 15./16.12.2007
(Die Autorin ist Sozialpädagogin und arbeitet beim Verein Kinderschutz und Mutterschutz.)

