22.12.2007 | Paulihof

Wie Ziege Ivan dem kleinen Thomas half

Bericht des Münchner Merkur vom 22.12.2007 im Rahmen der Weihnachtsaktion "Der Merkur hilft Kindern"

Lange Zeit ließ der neunjährige Thomas seine Erzieher in dem Glauben, dass er taub ist. Zudem war der Bub fast stumm. Schließlich schickten ihn seine Betreuer auf den Paulihof, einen Bauernhof mit Tieren, die mit traumatisierten Kindern zusammenleben. Dort traf Thomas die Ziege Ivan. Ivan freundete sich mit dem Buben an und gab ihm sein Gehör zurück.

"Manchmal ist Ivan schon ganz schön eigenwillig", erzählt Thomas. "Er ist halt ein Ziegenbock", nimmt der Neunjährige seinen besten Freund aber sofort in Schutz. Thomas streichelt das Tier liebevoll über den Kopf. Ivan lässt sich das gerne gefallen. Er wackelt mit den Ohren und schleckt dem Buben über das Gesicht. Die dicke Freundschaft zwischen dem Buben und dem Ziegenbock hat eine lange Vorgeschichte: Thomas stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Der Bub hatte Angst vor Mutter und Vater, lernte nicht richtig sprechen und schien taub zu sein.

Schließlich wurde er für vier Jahre in eine Gehörlosenschule geschickt. Dort wurde der Junge immer zurückgezogener und nahm kaum noch Notiz von seiner Umwelt. Manchmal jedoch hatte er aggressive Ausbrüche. Dann fürchteten sich seine Klassenkameraden vor ihm. Keiner konnte sich das Verhalten von Thomas erklären. In der Schule wurde immer deutlicher, dass der Junge gar nicht wirklich taub ist, sondern sich nur taub stellte. Thomas’ Lehrerin war verzweifelt, sie wusste nicht mehr, wie sie dem  Jungen helfen konnte und wandte sich an den Verein Kinderschutz und Mutterschutz e.V. in München. 

Die Sozialpädagogen trafen sich mit Thomas und schlugen dem Jungen vor, für einige Zeit auf dem Paulihof zu leben. Der Paulihof ist ein umgebauter Bauernhof, auf dem über 60 Tiere leben. Dazu gibt es sechs Plätze für traumatisierte Kinder, die hier mit den Tieren zusammenleben und von Therapeuten zusätzlich betreut werden. Auf dem Paulihof sind Hunde, Katzen, Schweine, Ziegen und Esel, die wichtiger Bestandteil des  Therapieprogramms für die Kinder sind. "Die Tiere sollen den Kindern helfen, wieder Vertrauen in ihre Umwelt zu gewinnen", erläutert Ulrike Heigenmooser das Konzept des Paulihofs. Heigenmooser ist Leiterin der Einrichtung. "Unsere Tiere sind sogenannte Co-Therapeuten und unterstützen uns, die Kinder aus ihrer Isolation zurück ins Leben zu holen", sagt Heigenmooser.

Als Thomas auf den Paulihof kam, traute sich der Bub anfangs kaum aus seinem Zimmer. Zu neu war alles um ihn herum. Er hatte Angst vor der ungewohnten Umgebung. Schon kurz nach seiner Ankunft versuchten die Sozialpädagogen Thomas’ Aufmerksamkeit mit kleinen Katzen zu gewinnen. Zögerlich freundet er sich mit den Tieren in seinem Zimmer an und streichelte ihnen vorsichtig über das Fell. Auch die Katzen wurden immer zutraulicher und lotsten den Buben schließlich aus seinem Zimmer in den Innenhof der Einrichtung. Dort traf Thomas zum ersten Mal auf Ivan, den Ziegenbock. Ivan aber ließ sich nicht so leicht von dem Buben um den kleinen Finger wickeln. Er ignorierte Thomas lange Zeit, was den Buben noch neugieriger auf das Tier machte. Schließlich erlaubte Ivan dem Buben, ihm über den Kopf zu streicheln. Das war der Beginn einer dicken Freundschaft.

"In den letzten Wochen hat Thomas schon eine Menge Selbstvertrauen zurückgewonnen", erklärt Ulrike Heigenmooser. "Ähnlich wie Thomas betreuen wir hier fünf weitere Kinder, die mit Tieren positive Erfahrungen sammeln sollen. "Im täglichen Umgang mit den Tieren können die Kinder zeigen, was sie können. "Sie machen die Erfahrung, dass sie gebraucht werden und die Tiere ihnen nur dann vertrauen, wenn sie auf sie zugehen", erläutert Ulrike Heigenmooser. Auch bei Thomas ist mittlerweile so etwas Ähnliches wie ein Alltag eingezogen. Jeden Morgen besucht der Bub den Ziegenbock in seinem Stall, er bringt ihm Futter und streichelt ihm über sein braun glänzendes Fell. Ivan ist zwar immer noch sehr störrisch, aber er freut sich über den Besuch des Freundes.

Beim Zusammenleben mit den Tieren haben die Kinder auf dem Hof auch Verpflichtungen. Sie müssen beim Stallausmisten helfen oder bei der Zubereitung des Futters. "Nur wenn es den Tieren gut geht, können sie sich auf eine Beziehung mit den Kindern einlassen", sagt Heigenmoser. Ivan und die anderen Tiere auf dem Paulihof haben Thomas geholfen, wieder zu sprechen und zuzuhören. Auch seine Aggressionen sind fast ganz verschwunden. Der Junge findet auf dem Paulihof den Weg zurück ins Leben.

Mit der Weihnachtsaktion unterstützen Sie, liebe Leser, die Arbeit der Sozialpädagogen auf dem Paulihof. Die Versorgung der Tiere ist teuer, die Therapie jedoch verzeichnet bei den kleinen Patienten große Erfolge. Viele haben ihre seelischen Verletzungen überwunden. Zudem können Leser auch direkt Tierpatenschaften beim Verein Kinderschutz und Mutterschutz übernehmen. Damit unterstützen Sie die Versorgung der tierischen Co-Therapeuten. Infos unter Telefon: 089/231716-9924.

Annette Gans, Münchner Merkur, 22./23.12.2007
(Die Autorin ist Sozialpädagogin und arbeitet beim Verein Kinderschutz und Mutterschutz.)

Paulihof
Thomas und die Ziege Ivan sind auf dem Paulihof die dicksten Freunde geworden. Ivan ist manchmal etwas störrisch, freut sich aber jedes Mal, wenn der Bub in seinen Stall kommt und ihm Futter bringt.