29.12.2007 | SR Landkreis Dachau | HPT

Mit Pappnase und Perücke zu neuem Selbstvertrauen

Das Zirkusprojekt des Vereins Kinderschutz und Mutterschutz hilft traumatisierten Kindern, verborgene Talente zu entdecken

Bericht des Münchner Merkur vom 29.12.2007 im Rahmen der Weihnachtsaktion "Der Merkur hilft Kindern"

Oliver zieht sich eine Pappnase auf. Dazu hat sich der Junge für eine orange Perücke entschieden und zwei verschieden lange Strümpfe an den Beinen. Der Zehnjährige ist heute Clown und spielt bei einem Zirkusprojekt mit, das die Betreuer der Heilpädagogischen Tagesstätte des Vereins Kinderschutz und Mutterschutz e.v. in München organisiert haben.

In der Einrichtung werden 24 Kinder und Jugendliche betreut, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen besondere Betreuung brauchen. Es ist ein warmer Sommertag, die Kinder haben sich in dem Zirkuszelt auf dem Gelände der Tagesstätte versammelt. Die große Premiere steht  heute auf dem Programm. Ein letztes Mal üben kleine Akrobaten das Jonglieren, Zauberer lassen Bälle verschwinden und Dompteure versuchen Hunden Kunststücke beizubringen.

Mitten unter ihnen ist Oliver. Der Bub hat vor einiger Zeit seinen Vater durch eine Krebserkrankung verloren. Seitdem hat er sich zurückgezogen. Der Verlust des geliebten Vaters hinterließ eine große Leere in der Familie. Oliver kämpfte mit Ängsten vor weiteren Verlusten, oft wirkte er verzweifelt und innerlich zerrissen. „Ich habe fast immer Bauchschmerzen und Kopfweh“, hat sich der Junge einem Arzt anvertraut. Oliver entwickelte Furcht zurückgewiesen zu werden und Freundschaften zu verlieren. Durch seine seelischen Verletzungen gingen Olivers Fähigkeiten fast ganz unter, denn der Junge ist sportlich und motorisch geschickt. Während des Zirkusprojekts hat Oliver jetzt zaghaft Vertrauen gefasst zu der Artistin, die die Kinder anleitet. Und Olivers Lehrerin ist begeistert. „Die Kinder haben alle verborgene Talente und blühen richtig auf in der Manege“, sagt sie.

Oliver jongliert mittlerweile mit vier Bällen. „Ich lasse nur ganz selten einen Ball fallen“, erzählt er stolz und mit einem Lachen im Gesicht. „Ich bin aufgeregt, denn gleich muss ich auftreten“, sagt er. „Traumatisierte Kinder, wie Oliver, brauchen oft ein spielerisches Umfeld, um neues Zutrauen zu sich selbst zu gewinnen“, erklärt Thomas Reinsdorf, der Leiter der Tagesstätte, die Aufgabe des Zirkusprojektes. „Gerade die Anerkennung durch die Mutter ist für den Buben enorm wichtig.“

Zwei Tage haben die Kinder für das Zirkusprojekt in der Manege zuvor trainiert. Jetzt wird es ernst. Alle fiebern dem großen Auftritt entgegen. Die Zirkuspremiere vor Eltern, Geschwistern, ehrern, Mitarbeitern und Freunden. Auch Olivers Mutter und seine Schwester sind zur Vorstellung gekommen. Während der Darbietung haben beide leuchtende Augen und sind stolz auf die Ballkünste von Oliver. Nach der Vorstellung umarmt sich die Familie. Zum ersten Mal wirken alle wieder glücklich und entspannt. Für Oliver und seine Mutter waren die Tage in der Manege ein Wendepunkt. „Wir haben endlich über alles gesprochen“, sagt die Mutter. „Jetzt wollen wir nach vorne schauen und das Leben neu anpacken.“

Der Zirkusworkshop im letzten Jahr, an dem auch Oliver teilnahm, wurde durch die finanzielle Hilfe der Leser des Münchner Merkur und seiner Heimatzeitungen möglich. Im nächsten Jahr wollen wir das Projekt wieder unterstützen und Kindern durch professionelle Betreuung die Chance geben, ihre Ängste zu überwinden und ihre verborgene Fähigkeiten zu entdecken.

Annette Gans, Münchner Merkur, 29./30.12.2007
(Die Autorin ist Sozialpädagogin und arbeitet beim Verein Kinderschutz und Mutterschutz.)

Zirkusprojekt der HPT
Im Zirkusprojekt bekommen die Kinder neues Selbstvertrauen.