Die Macht der Tiere
Vierbeinern "ist es egal, ob du dick bist oder besonders schlau" - wie Ziegenböcke "stumme" Kinder zum Sprechen bringen
Alle haben gedacht, Thomas ist taub, weil er kaum sprach. Vier Jahre lang war der Neunjährige schon auf einer Gehörlosenschule, bevor man ihn auf den Paulihof schickte. Dort sitzt er anfangs nur in seinem Zimmer. Er lässt ein paar kleine Katzen rein, die streichelt er manchmal. Als ihn die Katzen nach draußen lotsen, lernt er den Ziegenbock Ivan kennen. Der ist nicht so zutraulich wie die Kätzchen, läuft erst mal weg. Aber Thomas bemüht sich um ihn - und irgendwann spricht er mit seinem Kumpel Ivan. "Manchmal ist Ivan ganz schön eigenwillig", sagt Thomas. "Er ist halt ein Ziegenbock."
Rund 70 Tiere leben auf dem Paulihof in Unterbernbach in der Nähe von Augsburg. Hühner, Hunde, Katzen, Esel, Pferde, Schafe, Schweine, Ziegen. Sie alle sind "Co-Therapeuten", denn sie helfen den fünf pädagogischen Fachkräften, die Kinder von 10 bis 14 Jahren zu behandeln. "Tiergestützte Therapie" heisst das. Sieben Kinder leben ganz auf dem Hof, andere Kindergruppen kommen für ein bis zwei Stunden zu Besuch.
"Die meisten Kinder, die zu uns kommen, sind traumatisiert", sagt Ulrike Heigenmoser, die Leiterin des Paulihofs. Manche sind ganz in sich versunken, andere aggressiv. Die Gründe für solche Traumata sind vielfältig: Misshandlung, Trennung der Eltern, ein Unfall oder eine schwere Krankheit können Auslöser sein. Mit den Therapeuten oder anderen Erwachsenen sprechen die Kinder meist nicht - ausgerechnet die Tiere, die stummen Wesen, führen zurück ins Leben.
Jedes Kind sucht sich den passenden Gefährten aus
"Ein Tier ist immer Spiegel des eigenen Verhaltens", erklärt Heigenmoser. Das bekam auch Ronny zu spüren. Der verhaltensauffällige Bub schlug andere Kinder und reagierte auf Erwachsene mit Wutausbrüchen. Doch der Familienhund am Paulihof verzieht sich bei Wutausbrüchen. Er kommt nur her, wenn man ihn anständig behandelt, und wenn man mit ihm spielt, dann freut er sich. "Aggressives Verhalten hat immer mit fehlendem Selbstwertgefühl zu tun", sagt Heigenmoser. Auch da sind die Tiere ideale Partner. "Einem Tier ist es egal, ob du Pickel im Gesicht hast, ob du dick bist oder nicht besonders schlau", sagt die Therapeutin. Tiere verlangen nicht viel, sind weder fordernd noch beleidigend. Zur Therapie gehört auch, dass sich die Kinder um die Tiere kümmern. Zum Beispiel führen sie die Pferde zurück in ihre Box. "Das muss ohne Zerren und ohne Gewalt gehen. Aber man muss sich auch Respekt verschaffen", sagt Heigenmoser. So lernen die Kinder ihre Grenzen und die der Tiere kennen.
Vor drei Jahren gründete der Münchner Verein Kinderschutz und Mutterschutz e.V. den Paulihof. Ulrike Heigenmoser hatte schon vor Jahren gemerkt, wie hilfreich ihr privater Hund bei der Arbeit in einem Heim war. Ein völlig verschlossenes Mädchen begann irgendwann, dem Hund von sich zu erzählen. "Die Kinder nehmen dann nur noch den Hund wahr."
Für die Therapeutin gibt es keine besseren oder schlechteren Tiere. "Jedes Kind sucht sich unserer Erfahrung nach das passende Tier aus." Ein Mädchen, das besonders zögerlich war, erkor ein scheues Schwein zu seinem Gefährten. "Mehr Nähe konnte sie zu dieser Zeit nicht ertragen."
Schon im 19. Jahrhundert wurden Tiere bei psychisch Kranken und Epilepsie-Patienten eingesetzt. Die moderne Medizin verdrängte die als Bazillenschleudern verschrienen Tiere aus den Kliniken. Wiederentdeckt wurde die Tiertherapie Ende der 60er Jahre, als der amerikanische Kinderpsychologe Boris Levinson seine Erfahrungen mit seinem Hund niederschrieb.
Heute zählt die Delfintherapie zu den bekanntesten Formen, mit denen verhaltensgestörte und behinderte Kinder behandelt werden. Kinder sprechen stark auf die äusseren Merkmale der Delfine an, ausserdem sind die Meeressäuger gut trainierbar. Die Universität Leipzig therapiert mit Hunden, die speziell ausgebildet sind.
Die Schwierigkeit für die betroffenen Eltern: Die Krankenkassen zahlen die tiergestützte Therapie nicht. Es gibt zu wenig Studien, die die Wirksamkeit belegen. Das sei objektiv schwer feststellbar, sagen Kritiker. Eva Stumpf von der Uni Würzburg will das ändern. In einem Forschungsprojekt prüfte sie die Wirksamkeit von Delfintherapien. Auch hier gibt es Skeptiker, die einwerfen, dass Erfolge ja auch mit dem Kurzurlaub der Familie in Florida zu tun haben könnten. Andere sagen, alleine die Bewegung im Wasser zeige schon Wirkung. "Die in der Endauswertung erzielten Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Eltern stabile, positive Veränderung im sozial-emotionalen und kommunikativen Verhalten ihrer Kinder wahrnehmen, die auf die Delfintherapie zurückzuführen sind", sagt Stumpf. Sie hofft, dass das theoretische Rüstzeug, das entwickelt wurde, auch auf andere Therapieformen angewendet werden kann.
"Das Problem ist, dass für solche Studien kein Geld da ist", sagt Ulrike Heigenmoser vom Paulihof. Die stationären Aufenthalte der Kinder zahlt meist die Jugendhilfe. Kommen Kindern stundenweise, müssen die Eltern oft selbst zahlen. Der Hof finanziert sich auch über Spenden. "Manche glauben immer noch, dass tiergestützte Therapien ein Spleen von Tiernarren sind", sagt Heigenmoser. Denen würde sie gern die kleine Lili zeigen. Nach vielen Operationen an den Beinen durfte niemand, nicht mal die Eltern, ihre Beine oder Füsse auch nur versehentlich berühren. Anfangs hielt sie es nicht aus, wenn ein Kaninchen hinschnupperte. "Heute sitzt die Katze auf ihrem Schoss."


