23.10.2008 | kibs

Sexueller Missbrauch: Das Tabu schwindet

Die Fachtagung "Sexueller Missbrauch findet statt" fand großes Interesse bei Erziehern, Lehrern, Pädagogen und Ärzten

Bericht in der Mittelbayerischen Zeitung vom 23.10.2008

Schwandorf/Landkreis - Der stuckverzierte Sitzungssaal im "Haus zum guten Hirten" war gestern Nachmittag immer wieder absolut still, obwohl über 110 Erwachsene im Raum waren: So groß waren Interesse, aber auch Betroffenheit über ein Thema, dass der "Arbeitskreis Sexueller Missbrauch im Landkreis Schwandorf“ auf einer Fachtagung ansprach: sexueller Missbrauch.

Polizeihauptkommissarin Sabine Roidl sprach über sexuelle Gewalt im nahen sozialen Umfeld. "Das unbekannte Monster, das mit gezücktem Messer Kindern hinter dem Busch auflauert, ist die absolute Ausnahme. Vier von fünf Taten geschehen in Familien, im Schwimmbad, bei Pfadfindern oder Jugendgruppen." Sexueller Missbrauch sei beileibe nicht "nur" vollzogener Geschlechts- oder Analverkehr, sondern auch Berührungen, Exhibitionismus oder Belästigung am Telefon. "Die Haustür können Sie absperren. Aber am privaten Telefon sind Sie besonders geschockt, wenn jemand Ihnen zu nahe rückt". Je näher sich Täter und Opfer kennen, desto größer sei die Geheimhaltung. Viele Kinder wollen nicht den eigenen Vater oder nahestehenden Verwandten oder Nachbarn verlieren. Viele Taten würden jahrelang wiederholt, auch wenn vor Gericht – oft aus Scham – nur ein einmaliges Erlebnis geschildert wird. Die Zahl der Anzeigen schwanke, mit einer Dunkelziffer von eins zu dreißig. Extrem zugenommen hätten Fotos mit kinderpornografischem Inhalt. "Da sind auch Frauen öfter die Täter. Mit wenig Aufwand ist schnell Geld zu machen", so Sabine Roidl.

Im zweiten Teil der Tagung sprach Stefan Port von der Münchner Beratungsstelle "kibs" über Jungen als Opfer. "Jungen werden oft als verhaltensauffällig und aggressiv wahrgenommen, denen man am liebsten ein Anti-Aggressionstraining verordnen würde. Dabei würde vielen ein Selbstbehauptungstraining gut tun", sagte der Sozialpädagoge, der seit neun Jahren mit Jungen als Opfern arbeitet.

An einem Fall zeigte er typische Merkmale auf: Schulverweigerung, kein Vertrauen in Erwachsene, Sucht, die verdrängen hilft und später aus Sex Geld macht, Flucht in den Selbstmord. Gerade diese Suizid-Versuche seien für Jungs ein Ausweg, weil sie sich noch weniger als Mädchen jemandem anvertrauen, so gut wie nie selbst eine Beratungsstelle aufsuchen und sich mit dem Satz behelfen: „Das macht mir nichts aus, ich komme damit alleine klar.“ Viele dieser Verhaltsweisen würden als "typisch Junge" eingeordnet und dadurch der dahinter liegende Missbrauch verdeckt.

Vorbeugen tun altersgemäße Aufklärung, angstfreie Erziehung, Enttabuisierung und Kindern zu vermitteln, dass Sexualität etwas Schönes ist – unter Erwachsenen.

Hilfe und Beratung gibt es beispielsweise bei der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle Schwandorf, Telefon (0 94 31) 99 70 10.

Mittelbayerische Zeitung, 23.10.2008