Die dunkle Seite des guten Freundes
"Der Merkur hilft Kindern"
Mit der Spendenaktion "Der Merkur hilft Kindern" fördert unsere Zeitung soziale Projekte des Kinderschutz e.V. Eines dieser Projekte ist "kibs": eine Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Buben und deren Familien.
München – Sie presste den Telefonhörer ans Ohr. Es tutete – einmal, zweimal, dreimal. Dann nahm jemand ab. Christine* schluckte. "Ich rufe an, weil unser Sohn sexuell missbraucht wurde. Können Sie uns helfen? Bitte!"
Tags darauf saßen Christine und ihr Mann bei "kibs" in München, einer Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Buben und deren Familien. Der Mann sagte kaum etwas, versuchte beherrscht zu wirken: Jungs passiere so etwas doch nicht. Christine weinte, schrie, schüttelte den Kopf. "Ich bin die Mutter! Ich hätte es merken müssen!"
Zwei Jahre lang hatte sich "ein guter Freund der Familie" an Tobias* vergangen. Irgendwann hielt es der Bub nicht aus. An einem Nachmittag kuschelte er sich an seine Mutter und sagte leise: "Mama, ich will nicht mit zu Onkel Gerhard*. Dass mein Po weh tut, das hat mit ihm zu tun. Er macht so Dinge mit mir."
Heute ist Tobias acht Jahre alt. 14 Monate war er bei "kibs" in Therapie; offiziell gilt sein Fall als abgeschlossen. Der Bub und seine Eltern können aber jederzeit wiederkommen, wenn sie das Gefühl haben, die Vergangenheit hole sie wieder ein.
Was Tobias in den zwei Jahren "bei Onkel Gerhard" erlebt hat, lässt sich bis heute nicht ins Detail rekonstruieren. "Wie die meisten Kinder, wollte auch Tobias nicht über alles sprechen", sagt Ulrike Tümmler-Wanger, Leiterin der Beratungsstelle. Fest steht, dass Tobias immer wieder vergewaltigt wurde, dass sein Peiniger Fotos von den Vergewaltigungen machte – und Tobias jedes Mal drohte: "Wenn du ein Wort sagst, passiert was mit deinen Eltern. Das willst du doch nicht."
Schritt für Schritt mussten sich die Betreuer an den Buben herantasten. "Du kannst dein Problem bei uns lassen", sagten sie zu Tobias. "Wir erzählen nichts deinen Eltern, versprochen." Sie nahmen das Kind an die Hand und führten es zu einem "Geheimniskasten". Der Geheimniskasten ist ein großer Pappkarton mit kleinen Schubladen. In jeder Schublade steckt ein Problem – jedes dieser Probleme soll nicht wieder mit nach Hause genommen werden. "Tobias hat uns gesagt, dass er daheim nicht mehr darüber sprechen will", erzählt Tümmler-Wanger. "Er wollte lieber mit seinem Papa ,tolle Dinge’ unternehmen, wollte einen normalen Alltag haben – so wie seine Schulkameraden."
Nach offiziellen Schätzungen werden jährlich rund 300 000 Kinder in Deutschland missbraucht – ein Drittel davon sind Buben. Angezeigt werden "nur" 15 000 Fälle, verurteilt 2000 Täter. Die Täter, fast ausschließlich Männer, stünden den Opfern meist sehr nahe, sagt Kriminalhauptkommissarin Sabine Roidl bei einer Fachtagung. Roidl ist Beauftragte für Frauen und Kinder am Polizeipräsidium München.
"Das unbekannte Monster, das mit gezücktem Messer Kindern hinter dem Busch auflauert, ist die absolute Ausnahme. Vier von fünf Taten geschehen in Familien, im Schwimmbad, bei Pfadfindern oder Jugendgruppen." Die Täter nutzten das Vetrauen der Kinder aus. Die Opfer schämten sich, fühlten sich schuldig – obwohl sie nichts dafür können. So war es auch bei Tobias. Er begann sich zu verändern, klagte wochenlang über Bauchweh, wollte nicht mehr in die Schule. Abends konnte er nicht einschlafen, in der Nacht wachte er auf, weil er Albträume hatte. "Mein Po tut weh", sagte er eines Tages zu seiner Mutter. Die Mutter ging mit ihm zum Arzt. Doch der Arzt entdeckte nichts – "medizinisch ist Missbrauch oft schwer nachweisbar", sagt Tümmler-Wanger von "kibs".
Tobias hat lange mit sich gerungen, bis er sich seiner Mutter anvertraute. Nach dem Geständnis ging es ihm besser: Mama und Papa waren nicht böse, Onkel Gerhard würde ihn nie mehr anfassen. "Kinder erkennen instinktiv fast immer, wann ein Erwachsener die Grenze überschreitet, aber sie trauen sich fast nie, ,nein’ zu sagen", bestätigt Stefan Stefinsky von der Theatergruppe "Trampelmuse". Schon seit Jahren klären die Darsteller der "Trampelmuse" mit ihren Präventionsstücken Kinder und Jugendliche auf – die jungen Zuschauer werden ermutigt, sich gegen Gewalt aufzulehnen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Jüngeren nicht wissen, wie sie ,es’ nennen sollen – erst durch unsere Stücke bekommt der Missbrauch für sie einen Namen", sagt Stefinsky. Derzeit arbeiten die Beratungsstelle "kibs" und die Theatergruppe "Trampelmuse" an einem neuen Stück. Es geht um Gewalt unter Kindern. Auch dieses Projekt soll mit Spendengeldern gefördert werden. "Es häuft sich, dass sogar Vorschulkinder sexuelle Übergriffe an jüngeren Kindern begehen", warnt "kibs"-Leiterin Tümmler-Wanger. "Das sind keine Einzelfälle." Trotzdem würden solche Ereignisse agatellisiert – als Doktorspiele, die es schon immer gegegeben habe. "Ein Sechsjähriger zum Beispiel, der sich sexuell an jüngeren Kindern vergeht, steckt selbst in einer Gefährdungslage." Er sei aber zu jung, um eine solche Situation zu erfassen. Er brauche Hilfe – von außen.
* Name geändert
Barbara Nazarewska, Münchner Merkur

Weihnachtsaktion
Hier lesen Sie die ganze Seite (PDF) zur "Weihnachtsaktion" aus dem Münchner Merkur vom 12.12.2008
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Empfänger
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