19.08.2009 | kibs

Die Mauer der Scham

Nachgefragt zum sexuellen Missbrauch von Jungs

Artikel in der Augsburger Allgemeinen vom 19. August 2009. Fragen an Ulrike Tümmler-Wanger, Leiterin von kibs, im Hinblick auf das aktuelle Urteil gegen einen Leichtathletik-Trainer wegen Kindesmissbrauchs.

Frau Tümmler-Wanger, warum hat im aktuellen Fall die Mauer des Schweigens so lange gehalten?

Tümmler-Wanger: Ein männlicher Jugendlicher als Gewaltopfer – das schließt sich in der eigenen Rollenvorstellung fast aus. Wer mag als Junge zugeben, verprügelt worden zu sein? Wenn sexuelle Gewalt im Spiel ist, wird es noch schwieriger. Vergewaltigung wird mit Mädchen in der Opferrolle gleichgesetzt. Jungs wissen gar nicht, wie sie das bezeichnen sollen, wenn sie missbraucht werden. Außerdem steckt eine unglaubliche Scham dahinter.

Und das wird ausgenutzt.

Tümmler-Wanger: Es gehört zum täterstrategischen Verhalten. Auf kumpelhafter Ebene werden die Kinder angesprochen. Das finden sie anfangs toll. Nach dem Missbrauch drängt der Täter die Jungs mit Belohnungen, Drohungen und Aussagen wie „Das wird dir eh niemand glauben“ zum Schweigen. Die Opfer quälen sich mit Selbstvorwürfen, so etwas zugelassen zu haben.

Was können Opfer tun?

Tümmler-Wanger: Sie sollen sich eine Vertrauensperson suchen. Das können die Eltern, kann ein Lehrer oder ein Freund sein.

(ioa) Augsburger Allgemeine