"Das Leiden der Buben findet im Verborgenen statt"
"Der Merkur hilft Kindern"
Rund 300 000 Kinder werden in Deutschland jährlich missbraucht. Etwa ein Viertel davon sind Buben. Angezeigt wird aber nur ein Bruchteil dieser Fälle. "Jungs können ja keine Opfer sein, heißt es dann oft. Leider ist dieses veraltete Bild immer noch in vielen Köpfen verankert", warnt Ulrike Tümmler-Wanger, Leiterin der Beratungsstelle "kibs", im Interview mit unserer Zeitung.
Sexueller Missbrauch an Buben ist bis heute ein Tabu-
Zugegeben: Das Leiden der Buben findet oft im Verborgenen statt. Doch paradoxerweise äußerst sich das in gewissen Auffälligkeiten, die zunächst einmal nichts mit diesem Leiden zu tun haben. Die Buben werden zum Beispiel oft sehr aggressiv. Und deshalb denkt man nicht unbedingt daran, dass sie ein Problem haben, sondern vielmehr Probleme machen. Aber: Sie tun das alles nur, um bloß nicht Opfer zu sein.
Man denkt also erst einmal: Mein Gott, was für ein rebellisches Kind...
...dabei sollte es für Fachkräfte, aber auch für Eltern selbstverständlich werden, bei einer Verhaltensänderung eines Buben generell aufmerksam zu werden – und stets einen möglichen Missbrauch in Betracht zu ziehen. Sexueller Missbrauch heißt ja nicht automatisch Vergewaltigung. Er beginnt schon beim Anfassen und Berühren von Körperteilen. Jemand macht etwas mit mir, was ich nicht will. Wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, heißt das übersetzt: In jeder Klasse sitzt womöglich ein Bub, der betroffen ist. So eine Statistik ist mehr als alarmierend.
Wie können Opfer von sexueller Gewalt Kontakt zu Ihnen aufnehmen?
Per Mail oder per Telefon. Vor allem Jungs tun sich ja schwer damit, sofort in die Beratungsstelle zu kommen und zu sagen: "„Ich brauche Hilfe." Meistens – außer bei der Online-
Wen konkret meinen Sie mit "Bezugspersonen"?
Bei den jüngeren Buben, so bis elf, kommen meist die Mütter auf uns zu. Schon der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs stürzt ja das gesamte Umfeld der Betroffenen in die Krise: also die Eltern, die Geschwister, aber auch die Freunde...
Bei den älteren Buben, zwischen zwölf und 17 Jahren gestaltet sich die Kontaktaufnahme tatsächlich schwieriger. Die versuchen ja immer das Gefühl zu vermitteln: "Das war o.k. Ich pack’ das schon. Ich komme damit allein klar." Wir müssen dann schon kreativ sein, um diese jungen Männer mit unseren Angeboten zu erreichen.
Wir haben beispielsweise nicht die Erwartung, dass sie unbedingt in die Beratungsstelle kommen müssen. Wir treffen uns oft an Plätzen mit ihnen, die sie selbst vorschlagen, etwa in einem Fastfood-
Das heißt, Sie müssen erst einmal eine Beziehung zu Ihnen aufbauen?
Ja, wir spielen erst einmal Kicker mit ihnen, um auf sie einzugehen. Wir versuchen es mit Musiktherapie – da steht erst einmal das Musikhören im Vordergrund. Die Bereitschaft zum Reden wächst ja im Lauf der Therapie. Es klingt vielleicht ein bisschen banal, aber am Anfang steht immer eine Aktivität – und danach kommt der Austausch von Befindlichkeit.
Besonders wichtig ist, dass jeder von ihnen wirklich realisiert: "Ich bin nicht allein als männliches Opfer." Das ist eine ganz große Erleichterung für jeden Buben.
Der Merkur hilft Kindern

Die dunkle Seite eines vertrauten Menschen
Mit der Spendenaktion "Der Merkur hilft Kindern" fördert unsere Zeitung soziale Projekte des Kinderschutz e.V. Eines dieser Projekte ist "kibs": eine Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Buben und deren Familien.
» Hier lesen Sie dazu einen weiteren Artikel des "Münchner Merkur"Weihnachtsaktion
Hier lesen Sie die ganze Seite (PDF, 700 KB) zur "Weihnachtsaktion" aus dem Münchner Merkur vom 05./06.12.2009
Alle Artikel können Sie auch nachlesen unter www.merkur-online.de/weihnachtsaktion
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