10.03.2010 | kibs

"Täter wissen, wie sie Opfer manipulieren"

Interview im Münchner Merkur vom 10.03.2010

Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, das im Leben der Opfer für immer Spuren hinterlässt. Wir sprachen darüber mit Ulrike Tümmler-Wanger, die die Beratungsstelle "kibs" des Kinderschutz e.V. für missbrauchte Buben in München leitet.

Sexueller Missbrauch ist das schlimmste Verbrechen an der Kinderseele. Was richtet er an?

Er zerstört das Ur-Vertrauen: in sich und in die Erwachsenen. Kinder erwarten, dass sie von den Großen und Starken beschützt werden. Sie glauben, dass Eltern, Lehrer oder Fußballtrainer das Richtige tun. Plötzlich machen diese Menschen etwas, was den Kindern wehtut. Und die Kinder wissen nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Sie verlieren die Orientierung...

. . . und trauen sich dann nicht, über den Missbrauch zu sprechen.

Natürlich! Sie fühlen sich schuldig, allein. Vor allem die Buben denken, sie seien Versager – dieses Vorurteil "Männern passiert so etwas nicht" treibt sie in die Isolation. Und die Täter wissen, wie sie ihre Opfer manipulieren. Sie drohen: "Wenn Du jemandem davon erzählst, widerfährt Dir etwas Schlimmes." Oder sie appellieren an das schlechte Gewissen: "Das muss unser Geheimnis bleiben, sonst passiert mir etwas Schlimmes." Die Kinder wollen den Tätern nicht schaden – es sind ja keine bösen Unbekannten,  sondern Menschen, die eine wichtige Rolle für sie spielen: der nette Fußballtrainer aus dem Verein, der nette Pfarrer, der die Jugendgruppe leitet.

Missbrauch hört aber nicht einfach auf. Wie gehen Kinder damit um?

Das lässt sich nicht pauschalisieren. Viele schweigen – sogar jahrelang.Wir kennen Männer, die als Kind missbraucht wurden und bis heute nicht im Dunkeln einschlafen können. Die keine Beziehungen führen, weil sie die Nähe nicht ertragen, kein Vertrauen entwickeln. Drogen, Alkohol – das sind nicht selten Folgen. Bei Mädchen, aber auch Jungs, beobachtet man oft Ess-Störungen und Selbstverletzungen.

Viele verdrängen solche traumatischen Erfahrungen auch so massiv . . .

. . . dass sie sich erst wieder nach Jahren erinnern. Ein psychischer Schutzmechanismus. Dann hören sie ein bestimmtes Lied, riechen etwas – und alles ist wieder da. Ich vermute, dass auch die aktuelle Berichterstattung bei vielen die Vergangenheit aufwühlen wird.

Was passiert, wenn Opfer sich nun trauen, Namen zu nennen – und erfahren, dass die Tat verjährt ist?

Das könnte für einige ein Schlag ins Genick sein: "Jetzt traue ich mich, weil ich sehe, dass ich nicht allein bin – doch es ist zu spät."

Münchner Merkur, Interview: Barbara Nazarewska