Motivation und Kommunikation durch pferdegestützte Therapie

Pferdegestützte Therapie

Jeden Dienstag nach der Schule geht es für Anna und Matteo (beide 8 Jahre; Namen geändert) im vereinseigenen Bus von Karlsfeld Richtung Vierkirchen zu unserem Therapiepferd Ricardo. Die Kinder nehmen an der heilpädagogischen Förderung mit Pferd teil. Bei Beiden wurde frühkindlicher Autismus und Asperger-Syndrom diagnostiziert, Formen der Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Kinder weisen einen eher milden Beeinträchtigungsgrad auf, aber sie haben die typischen Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (z.B. beim Verständnis und Aufbau von Beziehungen) und der Kommunikation (z.B. Blickkontakt oder Körpersprache).

Auf der Fahrt entstehen schon die ersten angeregten Gespräche - über die Stunde, das Therapiepferd oder ganz alltägliche Sachen aus der Gruppe oder Schule. Anna, die bereits seit eineinhalb Jahren teilnimmt, war am Anfang schüchtern, eher wortkarg, kontaktscheu und spielte oft allein. Häufig war sie verzweifelt; sie hätte gerne mit anderen Kinder gespielt, konnte sich jedoch nicht in das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern integrieren, da sie dabei kaum sprach. Hilfreich war für sie die über einjährige gemeinsame Arbeit am Pferd mit einem etwas älteren Mädchen, das Anna durch ihre exaltierte Art förmlich aus der Reserve lockte und an der sich Anna, auch im Umgang mit dem Pferd, gut orientieren konnte. Während sie sich durch Beobachtung und die gemeinsame Interaktion immer mehr von deren Verhaltensweisen aneignen und in ihr eigenes Verhaltensrepertoire integrieren konnte, ist sie mittlerweile in der Lage, Gespräche zu initiieren und empathisch auf die Reaktionen ihres Gegenübers einzugehen. So ist Anna diejenige, die Matteo, der erst seit wenigen Monaten an der heilpädagogischen Förderung mit Pferd teilnimmt, die heilpädagogische Tagesstätte aber bereits seit drei Jahren besucht und inzwischen sehr viel offener auf andere Kinder und Erwachsene zugehen kann, Ratschläge erteilt.

Auf dem Hof wird immer zuerst Ricardo, ein zehnjähriger, sehr ausgeglichener Norwegerwallach, begrüßt. Dieser hat die Kinder meist bereits längst entdeckt und wartet am Eingang der Pferdekoppel oder in seiner Paddockbox. Ricardo wird gehalftert und zum Putzplatz geführt. Das Putzen und Auskratzen der Hufe gehören zu den Routineaufgaben, bevor die Kinder auf Ricardo reiten dürfen. Auch wenn in der pferdegestützten Therapie nicht das Reiten, sondern die Beziehungsgestaltung zum Pferd im Vordergrund steht, ist es doch auch immer das Highlight für die Kinder und ein besonderes Erlebnis. „Ich liebe Hufe auskratzen“, ruft Matteo und macht sich eifrig ans Werk. Das gemeinsame Handeln am Pferd erfordert immer wieder Absprachen zwischen beiden Kindern. Matteo möchte zum Beispiel die Aufgabe, Hufe auszukratzen, allein übernehmen, was Anna so nicht akzeptiert. Kommunikation wird zwingend notwendig.

Nachdem Ricardo gegurtet und getrenst ist, geht es in die Halle. Eine Aufgabe ist, dass abwechselnd eines der Kinder die Funktion des Lehrers übernimmt und dem anderen Kind mit einer bildgestützten Karte, die auch eine Überschrift enthalten, verschiedene Übungen auf dem Pferd ansagt. Die Übereinstimmung der ausgeführten Übung muss mit der Karte verglichen und möglichst verbal die notwendigen Korrekturen mitgeteilt werden. Gerade Matteo fällt dies noch schwer, was typisch für seine Diagnose ist. Er nimmt dann teilweise die Karte in die Hand und zeigt Anna, was gemeint ist. Ziel ist es, die Kinder immer wieder in den verbalen Austausch und die Interaktion untereinander zu bringen. Der*die Pädagog*in steht ebenso im permanenten Austausch und unterstützt das Interaktionsverhalten der Kinder, aber auch mit dem Pferd. Anna gibt die Anweisung „antraben“. Matteo hat verstanden, dass er Ricardo ein deutliches Zeichen geben muss, damit dieser ihn versteht und entsprechend reagiert. Matteo schnalzt laut mit der Zunge und sagt „Terab“. Ricardo setzt sich in Bewegung und Matteo lacht freudig dabei. Die Bewegung und der Rhythmus des Pferdes fordern Kinder mit ASS zum Lautieren bzw. Sprechen auf.

Hier zeigt sich auch der motivationsfördernde Charakter beim Einsatz des Pferdes, der durch die freudigen Erlebnisse mit ihm, die Bereitschaft fördert, Neues zu lernen und auszuprobieren sowie Sprechanreize, um die wechselseitige Kommunikation zu erleichtern. Die Kinder lernen, sich eigene Ziele zu setzen, und entwickeln auch einen gewissen Ehrgeiz. Die positiven Erfahrungen schaffen Erfolgserlebnisse und steigern das Selbstbewusstsein.

Am Ende der Stunde muss das Pferd noch versorgt werden. Anna und Matteo dürfen ihm eine Belohnung füttern und bringen ihn zurück auf die Pferdekoppel. Matteo streichelt Ricardo zum Abschied und sagt: „Du bist mein Freund“. Im Stall werden noch die Aufräumarbeiten erledigt, dann geht es wieder zurück in die Tagesstätte.

Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd ist besonders gut für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung geeignet: Die Interaktion zwischen Mensch und Pferd steht im Mittelpunkt. Das Pferd tritt Menschen vorurteilsfrei und nicht wertend gegenüber, wodurch vor allem Kindern mit Autismus die Kontaktaufnahme zu Tieren häufig leichter fällt als zu Menschen. Ein Pferd löst Handlungen und Reaktionen aus und gilt als Motivationsträger in der pferdegestützten Therapie. Es ermöglicht Erfahrungen, die dann auf andere Bereiche übertragen werden können. In der pferdegestützten Therapie werden alle Wahrnehmungsbereiche angesprochen, die gerade bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung vermindert sind. Seit 2015 findet in der Karlsfelder HPT des KINDERSCHUTZ MÜNCHEN einmal pro Woche die heilpädagogische Zusatzförderung mit dem Pferd (HFP) bzw. pferdegestützte Therapie neben dem regulären Betreuungsangebot statt. Das Angebot steht allen Kindern der Einrichtung mit unterschiedlichen seelischen Beeinträchtigungen offen und gilt als ganzheitlicher Ansatz, bei dem die Erziehung, die Förderung der körperlichen, geistigen und sozialen Entwicklung sowie die Rehabilitation von Kindern durch das Pferd im Vordergrund stehen (Gomolla, 2011).