20 Jahre KIBS - Es gibt noch viel zu sagen!

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München, 13. September 2019. Seit 20 Jahren berät und begleitet KIBS bayernweit pro Jahr rund 400 Jungen* und junge Männer* bis 27 Jahre, die von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt betroffen sind.

Jedes Kind hat Anspruch auf Schutz vor Vernachlässigung und Gewalt1! Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle KIBS des KINDERSCHUTZ MÜNCHEN zeichnen Expert*innen aus Fachberatungsstellen und Wissenschaft aus dem gesamten Bundesgebiet auf dem heutigen Fachtag „Es gibt noch viel zu sagen!“ im Münchner Kulturhaus Milbertshofen die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre nach, nehmen aktuelle Standortbestimmungen vor und diskutieren über heutige Chancen und Herausforderungen.

Was fühlen Betroffene? Wie geht es ihnen?

Mit dem Theaterstück „Ich werde es sagen!“ (nach dem autobiographischen Roman von Kristian Ditlev Jansen, Drehbuch und Regie: Jens Pallas, Darsteller: Reinhard Gesse) startet der Fachtag. Das Theaterstück wurde von der theaterpädagogischen werkstatt Osnabrück mit der fachlichen Unterstützung von Dunkelziffer e.V. für die Bühne dramatisiert. Das Ein-Personen-Stück will Mut machen, Tatsachen offen auszusprechen und Täter*innen anzuklagen. Beeindruckend und sehr berührend wird die Innensicht eines Betroffenen vermittelt – Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Schmerzen, Ohnmacht, unermessliches Leid, Aggression, Angst, Schweigen…

Sexualisierte Gewalt im öffentlichen Fokus

Öffentliche Kampagnen wie #MeToo oder Prozesse wie Lügde oder Freiburg bringen die Thematik „Sexueller Missbrauch“ in die Öffentlichkeit. Die gewaltige Aufdeckungswelle in der katholischen Kirche, in Ettal, in der Odenwaldschule, im Canisius Kolleg, hat 2010 verdeutlicht, dass hier primär Jungen* von sexueller Gewalt betroffen waren. Dies führte unter anderem auch dazu, dass sich bei KIBS die Anfragen verdreifachten. Allerdings gibt Dr. Dirk Bange, Impulsreferent beim heutigen Fachtag, zu bedenken, dass derzeit das öffentliche Interesse am Thema „Sexualisierte Gewalt an Jungen*“ wieder zurückgeht.

Zunehmende Transparenz und die Präsenz des Themas in den Medien hilft Betroffenen, sich zu öffnen, sich helfen zu lassen, zu reden, sich zu trauen, das Tabu zu brechen. Die Hemmschwelle ist riesig. Nach wie vor vertrauen sich nur 30 bis 50 Prozent der Betroffenen2 anderen gegenüber an, Jungen* seltener als Mädchen*. „Jungen fällt es immer noch sehr schwer, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, sie haben starke Schamgefühle und suchen selten Beratungseinrichtungen auf“, erklärt Dr. Bange.

KIBS setzt Signale

An oberster Stelle steht bei KIBS die Beratung der Betroffenen – persönlich in der Beratungsstelle, flexibel und differenziert per E-Mail oder Telefon, auf Wunsch anonym. Das Angebot ist niedrigschwellig und ganz am individuellen Bedarf der Hilfesuchenden orientiert, um sie gut zu erreichen. Es besteht die Wahlmöglichkeit zwischen einer gleich- oder einer gegengeschlechtlichen Bezugsperson. „Reden hilft, wenn einer da ist, der zuhört und mich versteht“, erklärt ein 13-jähriger Betroffener, der sexualisierte Gewalt im Sportverein erlebt hat. Die Hilfe wendet sich gemäß den Inklusions- und Diversity-Grundsätzen des KINDERSCHUTZ MÜNCHEN auch an Jungen* und junge Männer* mit Fluchterfahrungen, mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen und an Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. „Im geschlechtssensiblen Setting können die Fachkräfte ganz besonders individuell auf die jungen Menschen eingehen und Hemmschwellen von Anfang an reduzieren“, erläutert Volker Hausdorf, Leitung Angebote für Familien, Frauen und Männer im Münchner Stadtjugendamt.

Das KIBS-Team steht unter Schweigepflicht. Trauma- und familientherapeutische Angebote sowie Krisenintervention ergänzen das Profil von KIBS. Im Falle eines anstehenden Gerichtsprozesses unterstützt das Team und vermittelt zur psychosozialen Prozessbegleitung. KIBS berät auch Eltern, Angehörige und Fachkräfte.

Intensive Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit

KIBS ist bemüht, beständig auf das Thema der von sexualisierter Gewalt betroffenen Jungen* aufmerksam zu machen. Eine gute Vernetzung als Basis für gute fachlich notwendige Kooperationen (mit Anwält*innen, Ärzt*innen, Kliniken, Jugendamt, Polizei u.v.m.) ist enorm wichtig. In und um München ist KIBS daher in diversen Gremien und Arbeitskreisen wie Opferschutz, Jungenarbeit oder (Sexuelle) Gewalt vertreten, bundesweit findet ein regelmäßiger fachlicher Austausch mit den anderen jungen-spezifischen Beratungsstellen statt. KIBS ist seit vielen Jahren Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt (DGfPI) und hat mit dem DGfPI gemeinsam zahlreiche Fachtagungen und Fortbildungsreihen veranstaltet.

Neue Angebote gehen auf sich wandelnde Bedürfnisse ein

Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich in den letzten 20 Jahren verändert: Digitalisierung, Ökonomisierung, Geschlechtsrollenstereotype, Fragen der Zugänglichkeit von Hilfen. KIBS beobachtet, dass diese sich wandelnden Faktoren auch Gefährdungslagen und Bewältigungschancen von Jungen*, die von sexualisierter Gewalt bedroht oder betroffen sind, verändern und passt seine Angebote wie beispielsweise Fortbildungskonzepte oder Präventionsangebote kontinuierlich an. Dabei ist der Austausch mit anderen Fachberatungsstellen besonders wichtig.

Die jahrelange beständige Anzahl von Beratungen speziell im Landkreis Fürstenfeldbruck führte im Jahr 2008 zur Gründung von KIM (steht für KIBS und IMMA e.V.). KIM ist ein Kooperationsprojekt des KINDERSCHUTZ MÜNCHEN und IMMA e.V. Das Beratungsangebot richtet sich an männliche* und weibliche* Betroffene von sexualisierter Gewalt in Fürstenfeldbruck und Umgebung.

Dank einer erweiterten Unterstützung durch die Landeshauptstadt München bietet KIBS seit 2010 auch Einzel- und Gruppenarbeit für Jungen* ab sechs Jahren, die häusliche Gewalt miterlebt haben, an. „Die Auswirkungen von häuslicher Gewalt spüren die Kinder in der betroffenen Familie sehr stark, daher müssen wir die schwächsten Familienmitglieder besonders schützen“, so Marian Offman, Stadtrat der Landeshauptstadt München.

Präventiv gegen sexualisierte Gewalt

Neben dem ambulanten Beratungsangebot stellt KIBS die besondere Expertise im Bereich Prävention und sexuelle Gewalt gegen Jungen* bayernweit für die Qualifizierung von Fachkräften zur Verfügung. Hierfür gibt es seit Januar 2019 das speziell für Einrichtungen entwickelte Präventionsprojekt PräviKIBS©. Insgesamt werden über einen Zeitraum von 1,5 Jahren rund 400 Fachkräfte aus bayerischen Einrichtungen der stationären und teilstationären Kinder- und Jugendhilfe geschult. PräviKIBS© hilft, dass belastete Kinder und Jugendliche ihre Einrichtung, in der sie leben, als sicheren, stärkenden und motivierenden Ort wahrnehmen. Stationäre und teilstationäre Einrichtungen tragen eine besondere Verantwortung für das Kindeswohl. Das Präventionsprojekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales maßgeblich im Rahmen des Bayerischen Gesamtkonzepts zum Kinderschutz gefördert. Die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales Kerstin Schreyer betont: „Wesentliches Element des Bayerischen Gesamtkonzepts zum Kinderschutz sind gerade auch Maßnahmen zur interdisziplinären Sensibilisierung und Qualifizierung. Dabei sollen auch Schutzkonzepte in den Einrichtungen weiterentwickelt werden. Es ist wichtig, die Fachkräfte im Bereich des sexuellen Missbrauchs fortzubilden, um so einen effektiven und wirksamen Kinderschutz auch in (teil)stationären Einrichtungen sicherzustellen. Die jungen Menschen werden in den Einrichtungen darin bestärkt, Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen früh zu erkennen und selbstbewusst ‚Nein!‘ zu sagen.“ In einer dreitägigen Schulung vermittelt das PräviKIBS©-Team Fachkräften aus Einrichtungen das notwendige Know-how, um PräviKIBS© vor Ort selbst einzusetzen. Im Anschluss können die geschulten Fachkräfte als Kursleitungen das Präventionsprojekt in ihren Einrichtungen mit den Kindern und Jugendlichen und weiteren Fachkräften durchführen. PräviKIBS© wurde vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) wissenschaftlich eruiert.

Es gibt noch viel zu sagen!

Bundesweit gibt es immer noch viel zu wenige Angebote, die sich speziell an Jungen* und junge Männer* richten, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. „Die Anzahl der jährlich sexuell missbrauchten Jungen* und Mädchen* ist seit einigen Jahren weitgehend stabil hoch. Etwa ein Drittel3 der von sexuellem Missbrauch Betroffenen ist männlich*. Die Gesellschaft muss noch aufmerksamer werden, über sexualisierte und häusliche Gewalt muss laut gesprochen werden. Und die Betroffenen brauchen passgenaue Hilfen und sensible Aufmerksamkeit, um gestärkt wieder ins Leben zu finden und eine gute Zukunft zu haben“, betont Dr. Anna Laux, geschäftsführender Vorstand beim KINDERSCHUTZ MÜNCHEN.

Es ist wichtig, eine wahre, gesellschaftsnahe, aktuelle Kommunikation über sexualisierte Gewalt anzustreben. Erst wenn Jungen* merken, dass die „Erwachsenenwelt“ eine angemessene und offene Sprache zum Thema „sexualisierte Übergriffe“ gefunden hat, sind sie in der Lage, Erwachsene als potentielle Verbündete oder Ansprechpersonen zu diesem Thema zu akzeptieren. KIBS will Möglichkeiten eröffnen – zum Gespräch, zum Aufbrechen eines Tabus, zur Suche nach Lösungen, zum Handeln – und bei all dem behutsam darauf achten, worin die tatsächlichen Anliegen der Betroffenen bestehen.

1 UN-Kinderrechtskonvention

2 Dr. Dirk Bange: Wenn Mädchen und Jungen von sexualisierter Gewalt berichten.

  Vortrag auf der Tagung „Kein Raum für Missbrauch“, 2013

3 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Mutig fragen – besonnen handeln. Berlin, 2012

Im Bild v. li. n. re.: Marian Offman, Stadtrat, Landeshauptstadt München, Dr. Anna Laux, Geschäftsführender Vorstand, KINDERSCHUTZ MÜNCHEN, Ulrike Tümmler-Wanger, Teamleitung KIBS, KINDERSCHUTZ MÜNCHEN, Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Volker Hausdorf, Leitung Angebote für Familien, Frauen und Männer, Landeshauptstadt München, Stadtjugendamt

Kontakt:
Beate Zornig
Öffentlichkeitsarbeit
KINDERSCHUTZ MÜNCHEN
Tel: 089 23 17 16 - 9923
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