Laute als Fremdsprache

Wir leben Vielfalt in unseren Einrichtungen

26.05.2014

Die neue Mondlicht-Kinderkrippe an der Brentanostraße fördert gezielt Kinder von Gehörlosen. Weil sie sich zu Hause mit Gebärden verständigen, lernen sie schwerer sprechen als andere Kinder. Dafür haben sie andere Stärken

Sven Loerzer, Süddeutsche Zeitung

Wenn Samuel in der Krippe ein Bilderbuch anschaut, dann wandert sein Blick immer wieder zu der Erzieherin, die er sehr aufmerksam beobachtet. Etwa wenn sie auf eine Katze deutet, das Wort ausspricht und dann mit den Fingern von ihrem Mund weg die Schnurrhaare des Tieres andeutet. Denn Samuels Muttersprache ist die Gebärdensprache, die er von seinen gehörlosen Eltern kennt.  

 

„Bei uns lernt er die Lautsprache“, sagt Karin Wunderlich, Leiterin der neu eröffneten Krippe „Mondlicht“ in Milbertshofen. Die Erzieherin, die mit Samuel das Buch anschaut, macht die Gebärde für die Katze und spricht das Wort auch aus: „So lernt er beides miteinander zu verknüpfen.“ Die Einrichtung des Vereins Kinderschutz arbeitet  bilingual, allerdings nicht mit einer Fremdsprache, sondern erstmals eben mit der Gebärdensprache. Der besondere Schwerpunkt liegt in der Betreuung und Förderung von Kindern schwerhöriger oder gehörloser Eltern. Insgesamt 36 Kinder in drei Gruppen finden Platz indem zweistöckigen Neubau an der Brentanostraße 30, den der Verein Kinderschutz München als Betriebsträger von der Stadt im Januar übernommen hat. Zwischen sieben Monaten und drei Jahren liegt das Alter der Kinder, darunter drei Kinder gehörloser Eltern. Im Herbst kommen weitere dazu. „Die meisten Kinder von gehörlosen Eltern sind hörend“, sagt Karin Wunderlich.

Aber ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache, entsprechend konzentriert beobachten sie schon in jungen Jahren die Gestik anderer. „Sie suchen viel mehr Körper- und Blickkontakt.“ Zum zehnköpfigen Team der Krippe gehören auch gehörlose und schwerhörige Erzieher. Einige Kinder hörender Eltern können sich schon mit Gebärden gut ausdrücken und machen so deutlich, wenn sie Durst haben, Wasser oder Tee trinken wollen. Gerade in diesem Alter sei die Motorik der Kinder oft weiter entwickelt als das „Mundwerkzeug“, sagt Karin Wunderlich. Eine Teilzeit-Mitarbeiterin trainiert zusätzlich mit den Kindern gehörloser Eltern Gebärdensprache, damit sie mit ihren Eltern besser kommunizieren können. Dieses besondere Angebot ermöglicht die Bildungsstiftung der Stadtwerke München. Den gehörlosen Eltern dieser weit über München hinaus einzigartigen Einrichtung bietet die Krippe „Mondlicht“ eine barrierefreie Kommunikation. So sind alle Gruppen über Handys erreichbar – damit die Eltern, die nicht anrufen können, einfach eine SMS schicken können. Für Gespräche wird ein Online-Dolmetscherdienst genutzt, bei wichtigen Fragen ein Gebärdensprachdolmetscher gebucht. Eine der Kolleginnen im Team ist zudem Gebärdensprachdozentin und bringt den anderen Mitarbeitern die Grundbegriffe der

Gebärdensprache bei. Die Kinder gehörloser Eltern „machen alles mit, wie die anderen Kinder auch“. Karin Wunderlich betont: „Wir richten nicht den Blick auf Defizite, sondern auf die Individualität und die Stärken.“ So ist zum Beispiel bei den mit der Gebärdensprache aufgewachsenen Kindern häufig die visuelle Wahrnehmung stärker entwickelt als bei Gleichaltrigen. Zudem müssen sie oft schon früh Verantwortung übernehmen, weil sie für die Eltern dolmetschen müssen, etwa beim Arzt oder bei anderen wichtigen Terminen. Auslöser dafür, eine Einrichtung aufzubauen, die sich um Kinder gehörloser Eltern kümmert, waren die Erfahrungen des Vereins Kinderschutz aus seiner Beratungsstelle für gehörlose und schwerhörige Eltern, denenein geeignetes, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot bei der Kinderbetreuung fehlte.

Seit 2002 unterhält der Verein bereits  ein Erziehungshilfeangebot für Gehörlose.Auch für die Akzeptanz von Menschen mit Hörbehinderungen kann die Krippe einiges leisten. Vor kurzem gab es ein Elternfrühstück, bei dem die Kinder eine kleine Aufführung zum Besten gaben. Natürlich gab es da von allen Seiten Beifall: Die einen klatschten, die anderen, die das nicht hören können, drehen die erhobenen Handflächen und zeigen so ihren Applaus. Einander verstehen zu lernen, Sprachbarrieren abzubauen, das ist das Ziel von Karin Wunderlichs Team, das diesen Ansatz auch in seiner Zusammensetzung vorlebt. Zwei Erzieherinnen sind gehörlos, zwei schwerhörig.

Aber bei allen besteht die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen: „Wir wollen beide Welten, beide Kulturen miteinander vereinen.“ Deshalb will die Krippe, in der trotz des häufig beklagten Personalmangels alle Stellen besetzt sind, künftig auch gehörlose und schwerhörige Kinder aufnehmen. An diesem Freitag lädt die Krippe an der Brentanostraße 30, von 15 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Von 15 bis 17 Uhr steht ein Gebärdendolmetscher zur Verfügung. www.kinderschutz.de.

 

Mit freundlicher Genehmigung von
http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

KINDERSCHUTZ MÜNCHEN
Foto: © Florian Peljak
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