Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr
Fachreferenten informieren Eltern in der Kita Lotte Wetter über "Förderangebote"
Das Reizwort "Förderbedarf" lässt bei vielen Eltern zunächst die Alarmglocken läuten. In der Kindertagesstätte Lotte Wetter des Kinderschutz e.V. will man Vorurteile entkräften und informiert frühzeitig über mögliche Förderangebote für Vorschulkinder in den Bereichen Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie.
Durch den Urteilsspruch des Bundesverfassungsgerichts wurde die Diskussion wieder ins öffentliche Licht gerückt: Wie sehr beeinflusst Hartz IV das Aufwachsen und die Entwicklung der betroffenen "Hartz IV-Kinder"? Zwar bestätigt die Erfahrung von Erzieherinnen und Erziehern einerseits, was viele bereits befürchten: Kinder aus Hartz IV-Familien brauchen deutlich häufiger eine spezielle Förderung, um einen altersgemäßen Entwicklungsstand beispielsweise hinsichtlich Sprachfertigkeit, motorische Fähigkeiten, Konzentrationsvermögen etc. zu erreichen. Natürlich nehmen jedoch noch viele weitere Faktoren Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Persönliche Eigenschaften, Einflüsse von außen wie die Motivation und Unterstützung durch die Eltern, das gesellschaftliche Umfeld der Familie, Kindergarten, Freunde und schließlich die Schule prägen Wissen, Fähigkeiten und Verhalten von Kindern permanent.
Die inzwischen weit verbreitete Wahrnehmung, dass der Entwicklungsverlauf eines Kindes mit dem sozialen Status der Familie verknüpft ist, kann für Kinder im Vorschulalter jedoch bereits zum fatalen Nachteil werden. Katrin Buchholz, Leiterin der Kindertagesstätte Lotte Wetter in München-Riem erfährt immer wieder, wie reserviert und ablehnend Eltern aller Einkommensklassen oft reagieren, wenn ihnen die Förderung ihres Kindes auf einem speziellen Gebiet nahe gelegt wird. "Viele verstehen darin den Vorwurf, bisher etwas falsch gemacht oder etwas übersehen zu haben. Dadurch, dass Förderbedarf mittlerweile vermeintlich als "Schwäche der Armen" wahrgenommen wird, wollen die Eltern häufig noch weniger akzeptieren, dass ihr Kind es mit gezielter Unterstützung leichter haben könnte."
Dabei wollen Eltern, die Sozialhilfe für sich und ihre Kinder beziehen, ihre Kinder oftmals einfach vor einem weiteren Stigma bewahren. Abgesehen davon, dass sie es häufig wirklich als eigenes Versagen in der Erziehung begreifen, wenn die Fähigkeiten ihres Kindes hinter denen Gleichaltriger zurückliegen – auch wenn sie dies nur selten so aussprechen würden. Finanziell abgesicherte und gut situierte Eltern hingegen möchten sich und ihre Kinder oft deutlich "abgrenzen" von förderbedürftigen Kindern aus benachteiligtem Elternhaus. Sie wählen daher eher den kostenpflichtigen Sportverein oder die Ballettschule.
Dabei, und das betont Katrin Buchholz immer wieder, ist es absolut kein Makel - weder für das Kind noch für die Eltern - wenn ein Kind auf dem einen oder anderen Gebiet eine besondere Stärke oder Schwäche zeigt und Förderung braucht. Ihr ist es daher ein großes Anliegen, den Vorurteilen und dem Unwissen über Fördermöglichkeiten entgegenwirken. Sie sieht es daher auch als eine der wesentlichen Aufgaben von Erzieherinnen und Erziehern an, sich mit den Eltern stets über die Entwicklung ihrer Kinder auszutauschen, sie über mögliche Fördermaßnahmen zu informieren und im Einzelfall gezielt zu beraten.
Aus diesem Grund laden das Kita-Team um Katrin Buchholz und Fachleute aus den verschiedenen Förderbereichen nun auch ein zum
Informationstag zum Thema „Förderangebote“ am Samstag, den 27.02.2010
unter dem Titel "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr"
von 11 bis 14 Uhr in der
Kindertagesstätte Lotte Wetter
Elisabeth-Mann-Borgese-Straße 35
81829 München
Vier Referentinnen und Referenten berichten mit zahlreichen anschaulichen Beispielen aus ihrer Praxis und informieren über die Fördermöglichkeiten für Kinder in den Bereichen
- Logopädie
- Ergotherapie und
- Physiotherapie sowie das
- Angebot der Frühförderstellen
Programm des Informationstages
11.15 bis 11.45 Uhr - Sibylle Faber, Physiotherapeutin für Kinder
Physiotherapie: Wie kann ich mein Kind in seiner motorischen Entwicklung unterstützen?
12.00 bis 12.30 Uhr - Maria-Anna Link, Leiterin der Frühförderstelle Feldkirchen
Frühförderung: Angebote der Frühförderstellen anhand praktischer Beispiele
12.45 bis 13.15 Uhr - Katharina Koch, Logopädin
Logopädie: Welche Möglichkeiten der Sprachförderung gibt es?
13.30 bis 14.00 Uhr - Martin Brummer, Ergotherapeut
Ergotherapie: Was bewirkt Ergotherapie bei meinem Kind?
In den Kurzvorträgen wird deutlich, wie sich ein bestimmter Förderbedarf im Kindergartenalter äußern kann und welche Art von Förderung dementsprechend gezielt wirkt. Das alles mit dem Ziel, ein Kind in der Entwicklung seiner sprachlichen, motorischen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten so zu unterstützen, so dass es zum einen Schritt hält mit der Entwicklung anderer Kinder und somit beispielsweise nicht ausgegrenzt wird und zum anderen gut auf die Anforderungen der Schule vorbereitet ist. "Wir wollen den Eltern mit dieser Veranstaltung die Angst vor Förderangeboten etwas nehmen. Denn oft ist es nur Unkenntnis über die inhaltlichen Aufgaben der empfohlenen Förderangebote und den praktischen Nutzen für die Kinder", erklärt Katrin Buchholz.
Beispiel Logopädie
Von einer Mutter erhielt die Münchner Logopädin Katharina Koch zunächst folgende Hinweise: "Meine Tochter benutzt oft Wörter wie "Dings" oder "machen". Ich denke, dass ihr die Wörter in dem Moment nicht einfallen." Eine andere Mutter beobachtete: "Mein Sohn spricht viele Wörter nicht vollständig. Es verschluckt ständig Endungen, so dass ich ihn gar nicht richtig verstehen kann." Logopädinnen und Logopäden wie Katharina Koch sind darin ausgebildet, ein solches Sprachverhalten zu beurteilen und festzustellen, ob es für das Alter des Kindes "normal" ist oder ob es sich vielleicht um eine Sprech-, Sprach-, Stimm- oder auch Schluckstörung handeln könnte. Wird eine solche Störung behandelt oder werden ggf. auch präventive Maßnahmen eingeleitet, um Kommunikationsstörungen vorzubeugen, so wird es ein Kind in den kommenden Jahren spürbar leichter haben: Es wird ihm leichter fallen, sich gezielt mit anderen Kindern und Erwachsenen zu verständigen und seine Meinung und Wünsche zu äußern. Es wird somit eher die bestärkende Erfahrung machen, dass seine Bedürfnisse auch entsprechend berücksichtigt werden, als wenn Sprachstörungen die Verständigung erschweren. Und nicht zuletzt hat es im Hinblick auf die Schule eine grundlegende Sprachfertigkeit, die es ermöglicht von Beginn an die Leistungen zu erbringen, die dort gefordert werden – angefangen vom laut Vorlesen bis hin zur mündlichen Ausdrucksfähigkeit im Unterricht.
Beispiel Physiotherapie
Zahlreiche Kinder fallen schon im Kindergarten als "Zappelphilippe" auf, die sich scheinbar nie auf eine Sache konzentrieren können. Die Ruhelosigkeit selbst ist aber noch lange keine "Störung" an sich! Denn Gründe für Zappeligkeit und Unruhe gibt es viele. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass unterschiedliche Störfaktoren wie zum Beispiel Stress, Kummer oder Krankheit die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen können. Viel einfacher ist es deshalb sich die Frage zu stellen: Was brauchen Kinder, um innere Ruhe zu finden? In der Physiotherapie werden durch gezieltes Training Haltungs- und Bewegungsdefizite bearbeitet. Durch ein spezielles Bewegungs- und Spielangebot werden beispielsweise Eigenregulation, motorische Geschicklichkeit und Selbstvertrauen gefördert. "In der Behandlung sensomotorisch auffälliger Kinder helfen wir ihnen, über ihre Sinne ein deutliches Gespür für den eigenen Körper und die Dinge und Menschen in ihrer Umgebung zu entwickeln", erläutert Sibylle Faber, Physiotherapeutin für Kinder.
Beispiel Ergotherapie
"Mein Sohn ist fast sechs Jahre und kann mit der Schere nicht auf der Linie schneiden. Von einem Kreis ganz zu schweigen. Auch Buntstifte hält er ganz komisch. Ich könnte so nicht malen!", berichtet eine Mutter. Das leidige Thema mit der Feinmotorik wird bei vielen Kindern oft erst mit der Schuleingangsuntersuchung auffällig. Dabei gibt es schon im Vorfeld zahlreiche Indizien dafür. Andere Kinder können schwer das Gleichgewicht halten und der Ball wird nur schwer gefangen, da die Hände immer irgendwie zu spät schließen. Martin Brummer, ausgebildeter Ergotherapeut erklärt: "Die Ursache von Entwicklungsverzögerungen ist die mangelnde Fähigkeit, Sinneseindrücke zu verarbeiten und in die aktuelle Tätigkeit umzusetzen bzw. einzubeziehen. Die Handlungsfähigkeit und das Selbstwertgefühl leiden darunter. Zeigen die Kinder zusätzlich eine verminderte Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspanne, liegt deren Ursache in der nicht adäquaten Reizverarbeitung. Besonders wichtig für das gute Gelingen unserer Behandlung ist die Einbeziehung und Beratung der Eltern sowie der Einbeziehung des sozialen Umfeldes des Kindes."

